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Quelle: Soziale Psychiatrie 4/2000, S. 16-18 mit freundlicher Genehmigung der Dt. Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) |
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Thomas Bock Gemeinsam gegen VorurteileZur Auseinandersetzung um eine Anti-Stigma-Kampagne |
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In Zusammenhang mit dem Weltkongress der World Psychiatric Association (WPA) im August 1999 in Hamburg wurde von den Veranstaltern die Kampagne »Together Against Stigma« auch in Deutschland ausgerufen (bereits 1996 hatte die WPA ein »Internationales Programm zur Bekämpfung des Stigmas und der Diskriminierung wegen Schizophrenie« beschlossen). Unter anderen unterstützt von der Pharmaindustrie sollen in den nächsten Jahren im Rahmen des Programms »Schizophrenia Open the Doors« zahlreiche Projekte gegen die »Stigmatisierung schizophren erkrankter Menschen« angeschoben werden. Der Autor bezieht kritisch Stellung zu dieser Kampagne und fordert statt der »offiziellen« eine Anti-Stigma-Kampagne »von unten«. Unter Vorurteilen leiden Psychiatrie-Erfahrene, ihre Angehörigen und mit etwas Einschränkung auch die psychiatrisch Tätigen; Vorurteile gefährden therapeutische Fortschritte und die strukturelle Weiterentwicklung der Psychiatrie. Insofern kann und muss der Kampf gegen Stigmatisierung ein zutiefst gemeinsames Anliegen sein, das nur im echten Dialog gelingen kann. Schließlich sind die Vorurteile von heute die Fehler der Psychiatrie von gestern. |
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Psychiatrie alleine nicht glaubwürdigDie Psychiatrie war und ist also am Prozess der Stigmatisierung selbst beteiligt; sie kann eine Anti-Stigma-Kampagne alleine beim besten Willen nicht glaubhaft zustande bekommen. Die Gefahr ist zu groß, dass neue Vorurteile befördert, statt alte abgebaut werden und dass die zarten Ansätze des Dialogs durch autoritäre Monologe erschlagen werden. Vorurteile werden nicht durch einzelne einseitige Hochglanzveranstaltungen beseitigt; notwendig sind gemeinsame, kontinuierliche und vielfältige Anstrengungen auf allen Ebenen: Die Auseinandersetzung mit Stigmatisierung gehört in jede Therapie, sie beginnt in der Auseinandersetzung von Erfahrenen, Angehörigen und Profis mit sich selbst und untereinander, ein Prozess, den die Psychoseseminare seit zehn Jahren organisieren und fördern. Der Dialog in den Psychoseseminaren fördert den Abbau wechselseitiger Vorurteile, aber er wirkt darüber hinaus längst auch in die Öffentlichkeit hinein: Das Treffen in der Volkshochschule, die Ankündigung im Lokalblatt, der Bericht in der Kirchenzeitung an 100 Orten in beständiger Regelmäßigkeit vermitteln Selbstverständlichkeit und wirken öffentlichen Ängsten entgegen. |
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Plädoyer für eine dialogische »Anti-Stigma-Kampagne von unten«Seit ihrer Entstehung bilden Psychoseseminare eine Art »Anti-Stigma-Kampagne von unten«. Sie haben einiges dazu beigetragen, dass es heute längst nicht mehr so riskant ist wie vor zehn Jahren, sich als »psychoseerfahren« zu bekennen. Das Wort »Psychoseerfahrung« ist im Kontext der Psychoseseminare entstanden und spiegelt den dort erreichten sprachlichen Kompromiss. Die rein pathologische Sichtweise wurde abgelöst, der Krankheitsaspekt um die anthropologische Sichtweise ergänzt. Dieses umfassendere Bild gilt es, noch offensiver in die Öffentlichkeit zu tragen: Psychose als extremes Ausmaß einer existenziellen Krise, von besonderer Dünnhäutigkeit und allzu menschlicher Verletzbarkeit. Dabei geht es nicht darum, Psychosen zu verharmlosen, oder gar ihre Krankheitswertigkeit und Hilfsbedürftigkeit zu bestreiten, sondern die Angst davor zu reduzieren und statt Fremdheit Verständnis wachsen zu lassen. |
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Öffentlichkeitswirksame Aktionen der PsychoseseminareDie Psychoseseminare wollen ihre Arbeit in der Öffentlichkeit verstärken, eine Anti-Stigma-Kampagne von unten mit deutlichen inhaltlichen Unterschieden zur offiziellen Kampagne und mit Stärken dort, wo diese ihre Schwächen hat. Beim zweiten bundesweiten Erfahrungsaustausch der Psychoseseminare im Juli 2000 in Schwerin wurden die Erfahrungen mit öffentlichen Aktionen gegen Stigmatisierung ausgetauscht und gesammelt:
Die Teilnehmer der Psychoseseminare werden ihre bisherigen Erfahrungen systematisch auswerten und dokumentieren. In den nächsten zehn Jahren soll diese öffentliche Arbeit verstärkt werden. An verschiedenen Orten werden nachhaltige Initiativen an Schulen und in Kirchen vorbereitet. Ein besseres Verständnis von Psychosen und der direkte Kontakt zu Zeitzeugen stehen dabei im Vordergrund. |
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Unterschiede zur offiziellen KampagneDie offizielle Kampagne »Open the Doors« war bei der Tagung der Psychoseseminare in Schwerin Anlass heftiger Diskussionen. Wenig Transparenz. Unklarheit, wer über welche Mittel zu entscheiden hat. Wenig Dialog. Insbesondere die Psychoseerfahrenen kritisieren, dass sie nicht selbstverständlich einbezogen wurden. Eine vertane Chance. Das Wenige, das von der offiziellen Kampagne bisher inhaltlich bekannt wurde, fällt hinter den erreichten Stand der Verständigung zurück: Wer Psychosen als Hirnkrankheit bezeichnet und ihre absolute Heilbarkeit propagiert, hat wohl eher im Sinn, die Psychiatrie auf einen einseitigen Hochglanz zu polieren, als Verständnis und ein menschliches Bild von Psychosen zu erzeugen. Selbst die fachimmanente Diskussion ist weiter, im Verständnis von Psychosen differenzierter und hinsichtlich der eigenen Möglichkeiten wohltuend bescheidener und pragmatischer: Schizophrene und affektive Psychosen werden von somatischen Prozessen z.B. im Hirnstoffwechsel begleitet. Deren Funktion aber von psychischen und sozialen Prozessen abzukoppeln, bedeutet eine reduktionistische Sichtweise, die der Kooperation von Patient und Therapeut eher schadet als nutzt. Tenor der offiziellen Kampagne: Schizophrenie ist eine Hirnkrankheit. Sie ist heilbar. Niemanden trifft irgendeine Schuld. Die Psychiatrie ist in der Lage, die mit der Krankheit verbundenen Probleme zu lösen. Man braucht keine Angst mehr zu haben vor schizophrenen Menschen. Die Heilung wird vor allem durch atypische Neuroleptika erreicht. Botschaft der Psychoseseminare: Die Möglichkeit, psychotisch zu werden, ist tief in jedem Menschen verankert (vgl. Träume, egozentrische Wahrnehmungen eines Kindes, Halluzinationen nach Isolationserfahrungen u.a.). Aus der Realität auszusteigen, kann in subjektiv ausweglosen Widersprüchen eine Erleichterung bedeuten. Der Weg aus der Psychose erfordert eine (therapeutische) Person als Gegenüber, als langfristige Begleitung und Hilfe zu Integration und Orientierung. Manche lernen, Psychosen zu vermeiden, andere, mit ihnen zu leben, wieder andere ziehen aus der Psychoseerfahrung wichtige Schlüsse für ihr Leben. Neuroleptika sind eine inzwischen ausreichend gut differenzierte Technik zur Symptomreduktion nicht mehr und nicht weniger.
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Beispiel SchulkampagneAls ein Beispiel für mögliche Aktionen vor Ort mag eine Informationskampagne an Hamburger Schulen gelten, die von einer Arbeitsgruppe des Hamburger Psychoseseminars vorbereitet wird. Anliegen Angebot
Auf diese Weise kann, so hoffen wir, ein menschliches Bild und ein besseres Verständnis von psychischer Erkrankung wachsen. Unsere Arbeitsgruppe ist unabhängig. Für die Durchführung unserer Arbeit sind wir auf Spenden angewiesen. Jeder Medienkoffer hat einen Gegenwert von ca. 500,– DM. (Unser Spendenkonto: Osterfeld e.V., Konto-Nr.: 1208 111 912, Hamburger Sparkasse, BLZ: 200 505 50, Stichwort: »Irre menschlich«). Gerne informieren wir über den Stand der Vorbereitung und unsere ersten Erfahrungen (aus dem Faltblatt des Projekts). |
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PD Dr. Thomas Bock ist Diplompsychologe und leitet die sozialpsychiatrische Ambulanz am Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg. Literaturhinweis: |
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| Literaturliste | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||