Quelle: Soziale Psychiatrie 3/1999

mit freundlicher Genehmigung der Dt. Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP)


 

Michael Eink

»Oh Gott, wieviel Verrückte laufen frei herum?«

Psychisch Kranke und Gefahren im Bild der Öffentlichkeit

Inhalt:

 

Die Verlagerung psychiatrischer Hilfeangebote aus den Anstalten in die Gemeinde ist seit den 70er Jahren ein zentrales Element der Psychiatriereform. Bis heute fühlen sich allerdings Psychiatrie-Erfahrene vielfach mit unangemessenen Befürchtungen und Ressentiments in der »Gemeinde« konfrontiert. Forensisch behandelte Patienten sind in besonderer Weise vom »gesunden Volksempfinden« betroffen, die Dezentralisierung forensischer Einrichtungen in NRW scheitert bisher am Widerstand besorgter Bürger. In seinem Vortrag, gehalten auf der Bochumer DGSP-Tagung »Forensik im Abseits«, beleuchtet der Autor die Einstellung der Bevölkerung gegenüber psychisch Kranken, diskutiert die Rolle der Medien und das reale Gewaltrisiko durch psychisch Kranke.

 
nach oben


nächster Abschnitt

nach unten

Versuche, die Einstellung gegenüber psychisch Kranken in der Bevölkerung zu erheben, sind nicht neu. Beispielhaft sei auf das 30 Jahre alte Buch »Das Bild des Geisteskranken in der Öffentlichkeit« von Jaeckel und Wieser (1970) hingewiesen. Die Autoren haben in den 60er Jahren Vorurteile und Stereotype gegenüber »Geisteskranken« untersucht. Auf die (zugegebenermaßen suggestive) Frage: »Woran kann man einen Geisteskranken erkennen?« nannten zwei von drei Befragten Identifikationsmerkmale, am häufigsten (61 Nennungen bei 150 Befragten) sei »an den Augen/am Blick« erkennbar, ob jemand »geisteskrank« ist.

Soviel zum »psychiatrischen Mittelalter«. Natürlich drängt sich die Frage auf, wie sich die Einstellung in der Bevölkerung gegenüber psychisch Kranken im »Zeitalter der Gemeindepsychiatrie« verändert hat. Die aufschlußreichsten Hinweise dazu liefert die Angermeyer-Arbeitsgruppe mit den großen Repräsentativerhebungen, die sie 1990 und 1993 in den alten und neuen Bundesländern durchgeführt hat.

Bei diesen Ergebnissen wird deutlich, daß der Zuschreibung von Hilfsbedürftigkeit in der Vorstellung der Bevölkerung Stereotype von Fremdartigkeit und Bedrohlichkeit folgen.

Wenig überraschend mag vor diesem Hintergrund die geringe Akzeptanz gemeindepsychiatrischer Reformen in der Bevölkerung sein: Auf die Vorstellung, in ihrer Nachbarschaft werde ein Wohnheim für psychisch Kranke eröffnet, reagieren die Befragten doppelt so häufig negativ wie positiv, wobei das Spektrum von bloßer Beunruhigung über entschiedene Ablehnung bis hin zur Ankündigung aktiven Widerstands reicht. Auf noch weniger Gegenliebe stößt übrigens die Aussicht, daß eine Wohngemeinschaft für psychisch Kranke in der Nachbarschaft eingerichtet wird.

Empirische Untersuchungen zur Einstellung gegenüber psychisch Kranken in Österreich haben Unterschiede, je nach Berufsgruppenzugehörigkeit der Befragten, deutlich gemacht (Grausgruber et al. 1989). Als »Gefahr und Belastung« werden psychisch Kranke dort am ehesten von Polizeibeamten und praktischen Ärzten (!) wahrgenommen, die geringste Gefahr und Belastung durch psychisch Kranke vermuten psychiatrisches Pflegepersonal und Sozialarbeiter (ebenda, 74).

Da Journalisten als Mediatoren zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit eine besondere Bedeutung zukommt, hat Finzen (1996) zu Beginn eines Presseworkshops eine Umfrage unter den Teilnehmern durchgeführt. Trotz der begrenzten Aussagekraft dieser kleinen Umfrage sind aus meiner Sicht zwei Tendenzen bemerkenswert: Erstens scheinen auch diese »Meinungsmacher« Menschen mit schizophrenen Störungen allenfalls in distanzierten Sozialbeziehungen als Arbeitskollegen oder Nachbarn akzeptieren zu können; als Mieter oder Schwiegersohn/Schwiegertochter, erst recht als Babysitter wollen (auch) JournalistInnen die Betroffenen eher nicht in ihrer Nähe haben. In sinnfälligem Widerspruch zur eigenen professionellen Identität (Informationen verbreiten, Öffentlichkeit herstellen) überrascht auch die mehrheitliche Empfehlung an die Adresse psychisch Kranker, nur mit engen Freunden und der Familie über ihr Erleben zu sprechen, nicht mit Arbeitskollegen und Bekannten.

Wir müssen davon ausgehen, daß sich die Einstellungen dieser Multiplikatoren durch die gleichen Stereotype konstituieren, wie sie in repräsentativen Umfragen für den Bevölkerungsdurchschnitt deutlich werden: jedem dritten Bundesbürger sind psychisch Kranke unheimlich, jeder vierte hält sie gar für gefährlich (Angermeyer et al. 1992).

Aber sind dies denn, so müssen wir uns fragen lassen, ausschließlich unangemessene Stigmatisierungen, mit denen verunsicherte Kleinbürger das eigene Normalitätsgefühl absichern?

 
nach oben

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

nach unten

Reales Gewaltrisiko

Ich selbst habe in dem Buch »Gewalttätige Psychiatrie« noch vollmundig erklärt, es gebe eine »gesicherte Erkenntnis, daß psychisch Kranke nicht mehr Gewalttaten begehen als der Bevölkerungsdurchschnitt.« (Eink 1997, 8) Dies war in der Tat auch das Ergebnis der einzigen deutschen Studie zur Häufigkeit schwerer Gewalttaten durch psychisch Kranke von Böker und Häfner 1973. Jüngere Untersuchungen weisen jedoch auf einen mäßig ausgeprägten, aber zuverlässigen Zusammenhang zwischen bestimmten psychiatrischen Störbildern und Gewalttätigkeit hin (Übersicht bei Angermeyer/Schulze 1998).

Es mag sein, wie Spießl und Cording (1999) annehmen, daß im Zuge zunehmender Enthospitalisierung sowie steigenden Konsums von Alkohol und Drogen seit der klassischen Untersuchung von Böker und Häfner der Anteil psychisch Kranker an Gewalttaten den Bevölkerungsdurchschnitt überstiegen hat, aber es wird doch niemand ernsthaft behaupten, die erschreckenden Zahlen aus den USA — einem Land, in dem mit der dortigen Gesundheits- und Sozialpolitik psychisch Kranke systematisch in die psychosoziale Verelendung getrieben werden — ließen sich mit unreflektierten Vergleichen auf die deutsche Realität übertragen.

Es mag sein, daß es bei zwei Prozent aller in psychiatrischen Kliniken aufgenommenen Patienten zu aggressiven Handlungen kommt und zwar gehäuft bei jüngeren Männern mit schizophrenen Psychosen (Steinert et al 1991), aber der motivationale Hintergrund scheint häufiger zweckgerichtetes Verhalten oder Frustration im Kontext der institutionellen Situation zu sein, selten Ausdrucksform der Störung, z.B. psychotischer Enthemmung (Steinert 1995).

Es mag sein, daß manche von uns vereinzelte Erfahrungen mit aggressiven Patienten oder Klienten eher verdrängen und tabuisieren um, wie Spießl und Cording mutmaßen, »dem Stereotyp von gewalttätigen Patienten nicht noch weiter Vorschub zu leisten« (ebenda, 20), aber das Resümee eines Überblicks zu internationalen Studien durch Angermeyer und Schulze (1998) klingt durchaus nicht nach Horrorszenarien im psychiatrischen Alltag: »Gemessen an der Stärke des Risikos, das von einer Kombination von Persönlichkeitsstörung, männlichem Geschlecht und Substanzmißbrauch ausgeht, ist das Gewaltrisiko für schwere psychische Erkrankung wie z.B. Schizophrenie jedoch vergleichsweise gering. Ferner ist das mit psychischer Krankheit verbundene Gewaltrisiko in seinem Ausmaß vergleichbar mit der von jungem Alter, niedrigem Bildungsstand und männlichem Geschlecht ausgehenden erhöhten Wahrscheinlichkeit gewalttätigen Verhaltens«, (ebenda, 218).

Übersetzt man diese Befunde in die Sprache der psychiatrischen Praxis, heißt die Bilanz also: Es gibt Gewalt durch psychisch Kranke. Das Risiko ist etwa so hoch wie bei »gesunden« jungen Männern mit Hauptschulabschluß.

Warum aber verbinden so viele Menschen die Vorstellung von psychisch Kranken mit Attributen wie »unheimlich«, »unberechenbar« und »gefährlich«, während »junge Männer mit Hauptschulabschluß« dagegen in den Alpträumen der Bundesbürger eher selten auftauchen dürften?

 
nach oben

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

nach unten

Die Macht der Medien

Diese Frage kann wohl nicht beantwortet werden ohne die ergänzende Frage: Welches Bild wird denn öffentlich, das heißt vor allem durch die Medien, verbreitet?

Eva Straub, eine Angehörige, hat beispielhaft dokumentiert, welcher Flut von Fernsehfilmen wir ausgesetzt sind, »in denen psychisch Kranke als Massenmörder, unberechenbare Triebtäter, sadistisch hinterhältige Lustmörder diskriminiert werden … Die psychisch Kranken und Behinderten sind die einzige Minderheitengruppe, die in dieser Form und Intensität von den audiovisuellen Medien systematisch verleumdet werden« (Straub 1997, 213).

Die Berichterstattung über psychisch Kranke in Zeitungen scheint ebenso »sensationsgeil« und »reißerisch« zu sein. Telöken (1997) hat unter dem Titel »Der irre Pferdehasser« exemplarisch zwei Tageszeitungen untersucht und berichtet, daß 85 bis 90 Prozent der Artikel über psychisch Kranke von aggressiven Handlungen berichten. »Die größte Chance, als psychisch Kranker in einer Tageszeitung Erwähnung zu finden, hat also, wer zum einen sehr schwer erkrankt ist und zum anderen sich selbst oder andere umbringt«, (ebenda, 9).

Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Hoffmann-Richter und Dittman (1998) nach einer Analyse der Zeitungsberichte eines Vierjahreszeitraums über forensisch psychiatrische Themen in der Schweizer Presse. Zwischen Psychiatrie im allgemeinen und Forensik im besonderen werde ebenso selten differenziert wie zwischen psychisch Kranken im allgemeinen und straffällig gewordenen psychisch Kranken im speziellen. Die Anzahl der Berichte, die ohne negativen Anlaß über Forensik informieren, lag unter zwei Prozent.

Wenn wir uns die Marktgesetze des Journalismus und die ewig gleichen Zutaten von »Psycho-thrillern« vergegenwärtigen, mag es für uns zwar irritierend und ärgerlich sein, daß psychisch Kranke in der Bevölkerung auf so viel Angst und Ablehnung treffen, überraschen dürfte uns dies jedoch eigentlich nicht. Ein Grund dafür, daß sich in der Bevölkerung das Stereotyp vom »gefährlichen und unberechenbaren Schizophrenen« so hartnäckig hält, dürfte auch die soziale Repräsentation der Schizophrenie sein. Holzinger et al. (1998) haben bei einer Repräsentativerhebung ermittelt, daß fast jeder dritte Bundesbürger die Vorstellung hat, bei der Schizophrenie komme es zu einer Spaltung der Persönlichkeit, einer janusförmigen Verdoppelung der Identität wie bei »Dr. Jekyll und Mr. Hyde«. Das Krankheitsbild Schizophrenie wird demnach vielfach mit dem assoziiert, was Psychiater als »multiple Persönlichkeitsstörung« bezeichnen; parellel befragte Medizinstudenten in Leipzig und Wien neigen übrigens noch stärker zu dieser Vorstellung als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Anscheinend ist es uns in fast drei Jahrzehnten Psychiatriereform noch nicht einmal gelungen, basale Informationen zu psychischen Störungen einer breiten Öffentlichkeit angemessen zu vermitteln.

Mit dem Begriff der Schizophrenie wird in unserer Kultur widersprüchlich umgegangen: Gegenüber dem realen Leiden wird das Aussprechen des Wortes vielfach (wie bei »Krebs«) magisch vermieden; im politischen und journalistischen Bereich, aber auch bei Teenies, die etwas »schizo« finden, ist der Begriff eine gängige Metapher der Abwertung und Distanzierung (Finzen 1994).

Eine Zuspitzung der Hetzkampagnen in den Medien gegenüber psychisch Kranken haben wir 1990 im Gefolge der Attentate auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble erleben müssen.

Wie so viele andere, verbreitet z.B. die Zeitschrift »Bunte« zu dieser Zeit Angst und Schrecken mit der Schlagzeile: »Oh Gott, wieviel Verrückte laufen frei herum?« Der Text beginnt mit dem Satz: »Ein Gesicht aus der Menge, es schießt.« Diese Depersonalisierung des »Bösen« erinnert an das Strickmuster von Horrorfilmen. Um den Gruseleffekt zu verstärken, wird gewarnt: »118000 Menschen sind genauso labil oder krank wie die Lafontaine-Messerstecherin Adelheid Streidel oder der Schäuble-Attentäter Dieter Kaufmann … Warum laufen solche Irren so frei herum?«

Auch der vermeintlich seriöse »Spiegel« nutzt das gleiche Muster, bei dem nicht ein Mensch »aus Fleisch und Blut« der Öffentlichkeit als Bedrohung präsentiert wird, sondern ein unheimlich wirkendes, weit aufgerissenes Augenpaar und eine Hand aus dem Dunkel, die einen Revolver umfaßt. Der aktuelle Spiegel-Bericht zur Forensik (Schulz 1999), das sei fairerweise erwähnt, hebt sich wohltuend von solcher Demagogie ab.

Im Jahr der Anschläge auf Lafontaine und Schäuble (und der aufgeheizten Berichterstattung!) konnten Angermeyer und Kollegen (1992) einen deutlichen Einstellungswandel in der Bevölkerung gegenüber psychisch Kranken nachweisen.

Zufällig direkt vor dem Angriff auf Lafontaine hatten sie eine Repräsentativbefragung durchgeführt, die nach den Attentaten wiederholt wurde, um Einstellungsveränderungen zu überprüfen. Mißtrauen und Ablehnung haben im Verlauf des Jahres in allen Bereichen der erfragten Sozialbeziehungen zu schizophren Erkrankten zugenommen, d.h., die Zahl der Bürger, die einen schizophrenen Mann als Untermieter oder gar als Schwiegersohn oder Babysitter akzeptiert hätten, war drastisch gesunken. In der gleichen Untersuchung wurde deutlich, daß im Jahresverlauf psychisch Kranken gegenüber in verstärktem Maße negative Eigenschaften, wie »unberechenbar«, »unheimlich« und »gefährlich« zugeschrieben wurden.

 
nach oben

vorheriger Abschnitt
nächster Abschnitt

nach unten

Sex and crime

Solche Stigmatisierungen psychisch Kranker in der Öffentlichkeit scheinen sich im Gefolge einzelner spektakulärer Ereignisse, wie den beiden Politiker-Attentaten, unvermeidbar zu verschärfen. Dieser Konflikt belastet den psychiatrischen Bereich insgesamt, den forensisch-psychiatrischen jedoch in besonderem Maße. Gerade nach Sexualmorden an Kindern wird regelmäßig eine öffentliche Diskussion inszeniert, bei der Rufe nach Strafverschärfungen eine zentrale Rolle spielen (Sicherungsverwahrung für alle Sexualstraftäter, chemische Kastration, Todesstrafe …). Beharrlich ignoriert wird dabei, daß auch chirurgische und chemische Kastration keine Sicherheit schaffen (Pfäfflin 1997) und die Zahl der Sexualmorde an Kindern in den USA (trotz Todesstrafe) mehr als doppelt so hoch ist wie in Deutschland (Konrad 1999). Die verständliche Angst vor solchen Taten scheint ebenso groß wie die Lust, darüber zu berichten bzw. solche Darstellungen zu konsumieren. Pfäfflin (1997) weist darauf hin, daß in den Wörtern »Sensationslust«, »Sensationsgier« und »Sensationsgeilheit« anklingt, wie nahe verwandt Angst und Lust sind. »Gemeinsam ist ihnen die Erregung, die das Denken partiell oder ganz außer Gefecht setzt«, (ebenda, 60).

Aus der polizeilichen Kriminalstatistik wissen wir, daß es 1996 in Deutschland insgesamt 1357 Tötungsdelikte gab, im gleichen Jahr 311 Kinder im Straßenverkehr getötet wurden. Die Zahl der Sexualmorde an Kindern betrug vier, im Jahr zuvor, 1995, eins (Konrad 1999). Natürlich kann es nicht darum gehen, solche schrecklichen Taten zu relativieren oder zu verharmlosen. Ich nenne diese Zahlen vielmehr, um das Ausmaß der verschiedenen Risiken sachlich darzustellen.

Die Häufigkeit von »Lustmorden«, wie es umgangssprachlich heißt, ist nicht größer als in den 60er oder 70er Jahren, dabei bin ich sicher, daß heute jede Umfrage ein ganz anderes, verzerrtes Bild erbrächte; übrigens nicht nur am sogenannten »Stammtisch«, sondern vermutlich auch in unseren Kreisen. Wir werden mit allen grausigen Details einzelner Taten in den Medien in einer Art und Weise konfrontiert, daß wir das Gefühl entwickeln, »Kim« und andere Opfer persönlich zu kennen und um das Leben unseres eigenen Kindes täglich fürchten zu müssen. Diese Diskrepanz zwischen objektiver Bedrohung durch Kriminalität und subjektiver Beunruhigung analysiert Boers (1991) als »Kriminalitätsfurcht« im Kontext konflikthafter gesellschaftlicher Entwicklungen und mit Blick auf die Wirkung von Massenmedien.

Wie schlecht unsere Chancen sind, die aufgezeigten Mechanismen unsachlich-reißerischer Berichterstattung in den Medien zu verändern, hat Lorenz Böllinger mit einer Analyse der Entwicklung der Medien, der »Vierten Gewalt im Staate« deutlich gemacht: »Hier haben die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten wie Nachfrageorientierung, Unternehmenskonzentration etc. im allgemeinen und das Zeitungssterben, die Werbungsabhängigkeit und die Privatisierungswelle beim Fernsehen im besonderen die gewachsenen Strukturen radikal verändert. Der verschärfte Marktdruck bewirkt aggressive Marketingstrategien, eben agitierende, reißerische, Sensationslust befriedigende Inhalte und Formen der Darbietung. Dies führt zwangsläufig zu einer qualitativen Steigerung von Selektion, Vereinfachung und Verzerrung der Realitätswiedergabe in den Medien, welche leicht zu völliger Verfälschung umschlägt«, (Böllinger 1996, 18).

Diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erschweren spürbar Akzeptanz und Integration Psychiatrie-Erfahrener in der »Gemeinde«, in besonderem Maß ehemals forensisch Behandelter. Unangemessene Befürchtungen gegenüber psychisch Kranken, auch der Anteil von den Medien vorsätzlich und systematisch produzierter Ressentiments, sind für unsere Bemühungen im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, realistisch betrachtet, ewiger »Gegenwind«, hoffentlich zugleich aber auch Motivation, gerade hier weiterzuarbeiten.

Norbert Schalast hat 1993 in der »Sozialen Psychiatrie« geschrieben, die Psychiatriereform sei am Maßregelvollzug vorbeigegangen, DGSP und forensische Psychiatrie hätten nie so recht zueinander gefunden (Schalast 1993, 19). Als leidenschaftlicher DGSPler habe ich die Hoffnung, daß wir diese Distanz schrittweise überwinden können, konkret z.B. zur phobischen Abschottung allgemeinpsychiatrisch-komplementärer Einrichtungen gegenüber forensischen Patienten (Seifert/Leygraf 1997) ebenso »therapeutische« Konzepte gemeinsam zu entwickeln wie verantwortlichen Politikern bei der Überwindung ihrer »Standortphobie« zu helfen.

 
nach oben

vorheriger Abschnitt


nach unten

Literatur

Angermeyer, M. C.; Matschinger, H.; Siara, C.:

Wissensbestände, Überzeugungssysteme und Einstellungsmuster der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland bezüglich psychischer Erkrankungen. Mannheim (1992)

Angermeyer, M. C.; Matschinger, H.:

Auswirkungen der Reform der psychiatrischen Versorgung in den neuen Ländern der Bundesrepublik Deutschland auf die Einstellung der Bevölkerung zur Psychiatrie und zu psychisch Kranken. Nomos, Baden-Baden (1995)

Angermeyer, M. C.; Matschinger, H.; Holzinger, A.:

Akzeptanz gemeindepsychiatrischer Reformen in der Bevölkerung. Psychiat. Prax. 26 (1999) 16–21

Angermeyer, M. C.; Schulze, B.:

Psychisch Kranke — eine Gefahr? Psychiat. Prax. 25 (1998) 211–220

Böker, W.; Häfner, H.:

Gewalttaten Geistesgestörter. Springer, Berlin (1973)

Böllinger, L.:

Forensische Psychiatrie und postmoderne Kriminalpolitik. Recht und Psychiatrie 14 (1996) 14–22

Boers, K.:

Kriminalitätsfurcht. Centaurus, Pfaffenweiler (1991)

Eink, M. (Hg.):

Gewalttätige Psychiatrie: Psychiatrie-Verlag, Bonn (1997)

Finzen, A.:

Schizophrenie als Metapher. Psychiat. Prax. 21 (1994) 47–49

Finzen, A.; Alden, B.; Hoffmann-Richter, U.:

Meinungen zur Schizophrenie: Eine Befragung von Journalistinnen und Journalisten. Psychiat. Praxis 23 (1996) 295

Grausgruber, A. et al.:

Einstellung zu psychisch Kranken und zur psychosozialen Versorgung. Thieme, Stuttgart (1989)

Hoffmann-Richter, U.; Dittmann, V.:

Die forensische Psychiatrie im Spiegel der Schweizer Presse. Recht und Psychiatrie 1 (1998) 19–24

Holzinger, A.; Angermeyer, M. C.; Matschinger, M.:

Was fällt Ihnen zum Wort Schizophrenie ein? Eine Untersuchung zur sozialen Repräsentation der Schizophrenie. Psychiat. Prax. 25 (1998) 9–13

Jaeckel, M.; Wieser, S.:

Das Bild des Geisteskranken in der Öffentlichkeit. Thieme, Stuttgart (1970)

Konrad, N.:

Sexuell motivierte Tötungen von Kindern durch verheiratete Täter. Recht und Psychiatrie 1 (1999) 3–9

Pfäfflin, F.:

Angst und Lust. Zur Diskussion über gefährliche Sexualtäter. Recht und Psychiatrie 2 (1997) 59–67

Schalast, N.:

Rückstände aufgeholt? Maßregelvollzug: Stiefkind der Psychiatriereform. Soziale Psychiatrie 61 (1993) 9–13

Schulz, M.:

Leben in der Hölle. Der Spiegel 24 (1999) 194–203

Seifert, D.; Leygraf, N.:

Die Entwicklung des psychiatrischen Maßregelvollzugs (§ 63 StGB) in Nordrhein-Westfalen. Psychiat. Prax. 24 (1997) 237–244

Spießl, H.; Krischker, S.; Cording, C.:

Aggressive Handlungen im psychiatrischen Krankenhaus. Psychiat. Prax. 25 (1998) 227–230

Spießl, H.; Cording, C.:

Aggressives Verhalten von psychisch Kranken: Inzidenz, Therapie. extracta psychiatrica 3 (1999) 20–26

Steinert; T. et al.:

Aggressionen psychiatrischer Patienten in der Klinik. Psychiat. Prax. 18 (1991) 155–161

Steinert, T.:

Aggression bei psychisch Kranken. Enke, Stuttgart (1995)

Straub, E.:

Diskriminierung der psychisch Kranken in Fernsehfilmen. Psychiat. Prax. 24 (1997) 213–214

Telöken, S.:

»Der irre Pferdehasser«. Psychisch Kranke in der Tagespresse. Psychosoziale Umschau 3 (1997) 9
 

 

Prof. Dr. Michael Eink lehrt am Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Hannover.

 
  Literaturliste