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Quelle: Soziale Psychiatrie 4/2000, S. 13-15 mit freundlicher Genehmigung der Dt. Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) |
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Ruth Fricke (Ent-)Stigmatisierung psychisch kranker Menschen in der ÖffentlichkeitAus dem Alltag der Psychiatrie-Erfahrenen |
Inhalt: |
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Am 2. September 2000 fand in Hamm ein Symposium statt mit dem Titel »Grenzüberschreitung: Ist der Trialog zukunftsfähig?«. Die Autorin berichtete dort über die Vielfalt der Stigmatisierungen, denen psychisch erkrankte Menschen ausgesetzt sind, zeigte aber auch Perspektiven eines selbstbewussten Umgangs mit Vorurteilen und der Krankheit auf. Was ich hier heute sage, beruht auf der subjektiven Erfahrung meiner eigenen Krankengeschichte und dessen was ich in nunmehr mehr als fünf Jahren Selbsthilfegruppenarbeit von Betroffenen erfahren und z.T. selbst miterlebt habe. |
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Das Stigma ist überallIch möchte schlaglichtartig mit einigen Beispielen beginnen.
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Wie damit umgehen?Oft hört man von Betroffenen: »Ich traue mich nicht, Dinge zu tun, die mir Spaß machen, weil meine Angehörigen dann glauben, ich würde wieder krank, nur weil ich das während meiner Psychosen auch gemacht habe.« Ich kenne das selbst sehr gut. Ich habe z.B. früher sehr gern die Lieder von Harry Belafonte, Ina Deter und die alten Lieder der Arbeiterbewegung gehört und auch selbst gesungen. Während meiner ersten Psychose habe ich diese Lieder sehr laut abgespielt und gesungen, weil sie meine damalige Befindlichkeit aber auch meine Hoffnung auf mögliche Problemlösungen in großem Maße widerspiegelten. Ich habe diese Lieder seit Jahren nicht mehr gehört und gesungen, denn immer wenn ich es tat, hörte ich die ängstliche Frage meiner Mutter: »Du wirst doch wohl nicht wieder krank?« Ich habe während der ersten Psychose auch viel telefoniert. Als ich wieder gesund war, hörte ich die gleiche sorgenvolle Frage, wenn ich den Telefonhörer auch nur in die Hand nahm. Den Alltag der Psychiatrie-Erfahrenen gibt es nicht. Wie sich dieser Alltag gestaltet, hängt vor allem davon ab, inwieweit es gelungen ist, nach einer psychischen Erkrankung wieder im so genannten normalen gesellschaftlichen und beruflichen Leben Fuß zu fassen und das kann sehr unterschiedlich sein. Von völliger Integration in Beruf, Familie und Gesellschaft bis zu völliger Ausgrenzung durch Frühverrentung, leben in Heimen oder Wohngruppen und Entmündigung, so dass alle wesentlichen Entscheidungen durch einen Betreuer getroffen werden, ist alles möglich. Die Ursache für diese unterschiedliche Entwicklung liegt m.E. nicht im unterschiedlichen Krankheitsbild, sondern in der unterschiedlichen Art und Weise, wie Betroffene sich mit ihrer Erkrankung und deren Ursachen auseinander setzen konnten. Das fängt an mit dem Krankheitsverständnis von Ärzten, Therapeuten, Pflegekräften, Betroffenen und deren Angehörigen und endet bei den in der Bevölkerung vorhandenen Vorurteilen über psychisch Kranke und dem immer noch herrschenden Tabu: »Über psychische Erkrankungen spricht man nicht und erst recht nicht mit den Betroffenen.« |
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Unwissenheit und VorurteileIn der Gesellschaft herrschen Unwissenheit und Vorurteile über psychische Erkrankungen und deren Ursachen. Medien berichten lautstark, dass Amokläufer und Sexualmörder lebenslänglich in einer psychiatrischen (nicht etwa forensischen) Klinik untergebracht werden. Was sich im öffentlichen Bewusstsein festsetzt, ist: »Psychisch Kranke sind unheilbare Gewaltverbrecher.« Die Medien berichten auch darüber, dass z.B. die Helfer des Zugunglücks bei Enschede oder der Flugzeugkatastrophe beim Absturz der Concorde vor einigen Wochen, Kosovoflüchtlinge oder die Geiselopfer von Jolo einer therapeutischen Behandlung bedürfen. Die in der Meldung verborgene Information, dass jeder Mensch psychisch krank werden kann, wenn er einer entsprechenden seelischen Belastung ausgesetzt ist, wird nicht wahrgenommen oder verdrängt. Psychiatrische Diagnosen wie: schizophren, paranoid oder manisch sind in die Umgangssprache als Schimpfworte eingegangen und haben daher eine diskriminierende Wirkung. Die Diagnose depressiv ruft noch am ehesten Mitgefühl hervor. Wer in ein Hauslexikon schaut, findet u.a. folgende Erläuterungen: Psyche = Seele. Aber: Psychosen, Schizophrenie, Paranoia, Manie etc. = Geisteskrankheiten. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass Körper, Geist und Seele sich wechselseitig beeinflussen; aber hier werden Ursache und Wirkung vertauscht. Dabei hält selbst unsere Umgangssprache Erklärungsmuster für psychische Erkrankungen bereit. Wie oft sagen wir: »Das macht mich wahnsinnig.« Oder: »Mach mich nicht verrückt.« Das Wort Geisteskrankheit dagegen impliziert eine hirnorganisch verursachte unheilbare Erkrankung. |
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Wider Selbstausgrenzung und TabuisierungIch weiß nicht, ob das Wort Stigmatisierung, zumindest bezogen auf die einzelne Person des psychisch Kranken, der richtige Begriff ist. Diagnosen wie Schizophrenie etc. haben sicher eine stigmatisierende Wirkung. Weil dies so ist, geht es im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen eher um das Problem der Durch das Tabu »Über psychische Erkrankungen spricht man nicht« werden Betroffene und ihre Angehörigen mit ihren Ängsten und Problemen allein gelassen und in die Isolation getrieben. Die Chance, eine psychische Erkrankung zu überwinden und wieder völlig gesund zu werden, wird erheblich gemindert. Ich glaube, ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass es gut ist, dieses Tabu zu brechen. Mein Schulleiter und meine Arbeitskollegen in der Abteilung wissen ebenso von meiner Erkrankung wie die Kolleginnen und Kollegen in der Ratsfraktion. In beiden Bereichen hat man mich nach meiner Erkrankung nicht anders behandelt als vorher. Und keine geringeren Anforderungen an mich gestellt als vorher. Es wurden mir sogar neue verantwortungsvollere Aufgaben übertragen. Ich habe aber auch gemerkt, wie viele Menschen unter diesem Tabu leiden. Denn wenn man über psychische Erkrankungen spricht, ist es, als wenn man ein Fass ansticht. Plötzlich hat jeder ein Familienmitglied, das ebenfalls betroffen ist und er ist froh, endlich einmal darüber reden zu können. Stigma heißt wörtlich übersetzt: Punkt. Im medizinischen Sinn wird mit Stigma ein auffälliges Krankheitszeichen bzw. eine bleibende krankhafte Veränderung bezeichnet. Nun ist, zumindest außerhalb der akuten Krise, eine psychische Erkrankung nicht mit auffälligen Krankheitszeichen verbunden. Wenn dies so wäre, brauchte man den Versuch, eine psychische Erkrankung zu verheimlichen, ja gar nicht erst zu unternehmen. Die Frage, ob es sich bei einer psychischen Erkrankung um eine bleibende krankhafte Veränderung handelt, gehört schon in den Bereich der Vorurteile. Dieses Vorurteil ist jedoch nicht nur unter Laien weit verbreitet und hat verheerende Folgen, denn es wirkt als Selffullfilling Prophecy. |
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Wichtig ist das KrankheitsverständnisEin Arzt, der glaubt, dass eine psychische Erkrankung genetisch verursacht ist, wird seine Patienten entsprechend behandeln, d.h. Symptome mit Medikamenten unterdrücken, aber nicht zur Überwindung der Erkrankung beitragen. Ein Patient, der dieser Diagnose glaubt, hat keine Veranlassung, sich mit den Ursachen seiner psychischen Krise auseinander zu setzen, diese therapeutisch aufzuarbeiten und so die Krankheit zu überwinden. Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Medikamente. Medikamente können den durch die seelische Krise durcheinander geratenen Hirnstoffwechsel neu ordnen und so das psychotische Erleben abkürzen. Sie können also dafür sorgen, dass sich die Gedanken nicht weiter im Kreise drehen, die sich nicht mehr abstellen lassen, so dass man nicht mehr schlafen kann und man absurde Erklärungen für Fragen sucht, die diejenigen, die sie beantworten könnten, nicht beantworten wollen. Sie können aber nicht die Probleme lösen oder die Verletzungen verarbeiten helfen, die in die seelische Krise geführt haben. Die Frage, ob man nach einer psychischen Erkrankung wieder gesunden kann oder ob es heißt »einmal psychisch krank, immer psychisch krank«, hängt vor allem vom Krankheitsverständnis aller Beteiligten ab. In »Irren ist menschlich« bieten Dörner und Plog ein brauchbares Krankheitsverständnis an: »Ein psychisch Kranker ist ein Mensch, der bei der Lösung einer altersgemäßen Lebensaufgabe in eine Krise und Sackgasse geraten ist, weil seine Verletzbarkeit und damit sein Schutzbedürfnis und sein Bedürfnis, Nichterklärbares zu erklären, zu groß geworden sind.« Ich würde hier allerdings das Wort »altersgemäß« streichen. Nicht alle psychischen Krisen haben etwas mit Reifeverzögerung zu tun, denn es gibt Dinge, die ein Mensch, unabhängig davon wie alt er ist, nicht unbeschadet ertragen kann. Sexueller Missbrauch, Folter, Krieg und Vertreibung gehören sicher dazu; aber ich glaube auch nicht, dass es irgendeinem Alter gemäß ist, z.B. Mobbing oder seelische Verletzungen in Partnerschaftskonflikten ertragen können zu müssen. Ich glaube sogar, dass man den Tod eines geliebten Menschen oder die Folgen von Katastrophen, die durch höhere Gewalt verursacht werden, besser verarbeiten kann, als bis ins Mark gehende tief greifende Verletzungen von Gefühlen und Vertrauen durch Menschen, die einem einmal sehr nahe gestanden haben und denen man sehr vertraut hat. Nur ein Krankheitsverständnis, das eine seelische bzw. emotionale Überforderung oder Verletzung als Ursache einer Psychose begreift, eröffnet Handlungsperspektiven, um künftige Psychosen zu vermeiden. |
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Therapiekonzepte verändern!Ein solches Krankheitsverständnis erfordert aber auch ein verändertes Therapiekonzept, welches ein anderes Rollenverständnis von Ärzten und Therapeuten einerseits und Patienten und ihren Angehörigen andererseits voraussetzt. Insbesondere bei einer Ersterkrankung müssen Betroffene und ihre Angehörigen umfassend aufgeklärt werden über
Patienten müssen ermutigt werden sich mit den Ursachen ihrer Erkrankung auseinander zu setzen. Ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein muss gestärkt und nicht durch entmündigende Zwangsbehandlung weiter gebrochen werden. Dazu müssen sich Patienten und professionelle Helfer auf gleicher Augenhöhe begegnen. Das Prinzip Verhandeln geht vor Behandeln muss in der Psychiatrie Allgemeingültigkeit erlangen. Therapeuten müssen deutlich machen, dass man einen gemeinsamen Such- und Findungsprozess beschreitet und dass der Patient die Hauptarbeit selbst zu leisten hat. Denn er muss lernen, mit seinen Verletzungen zu leben bzw. sich vor neuen Verletzungen zu schützen. Dabei kann der Erfahrungsaustausch in einer Selbsthilfegruppe aber auch das trialogische Gespräch sehr hilfreich sein. |
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Jeder muss seinen eigenen Weg findenIn Selbsthilfegruppen kann man offen über sein Psychoseerleben reden, man kann gemeinsame Ursachenforschung betreiben und es lernen, Frühwarnzeichen rechtzeitig zu erkennen. Man darf sich aber nicht der Illusion hingeben, dass man nie wieder psychotisch wird. Wer einmal eine Psychose durchlebt hat, hat gezeigt, dass er psychosefähig ist. Gerade in kritischen Situationen reagiert man aber unbewusst mit eingefahrenen Reaktionsmustern. Diese eingefahrenen Reaktionsmuster, die in der Vergangenheit in die Krise geführt haben, ändern sich nicht von heute auf morgen, denn man muss sie erst einmal erkennen. Ich selbst hatte meine erste Psychose 1988 im Alter von 40 Jahren, dann 1990, 1993, 1995 und zuletzt im August letzten Jahres. Was man sieht ist, dass ich viereinhalb Jahre stabil geblieben bin, seitdem ich Selbsthilfegruppenarbeit mache. Vorher waren es im Schnitt zweieinhalb Jahre. Und ich glaube, dass es daran liegt, dass ich mir immer vergegenwärtige, dass ich es vielleicht doch noch nicht geschafft habe, mit Konflikten so umzugehen, dass ich nicht wieder psychotisch werde. Letztendlich muss jeder Betroffene selbst seinen eigenen Weg zu seelischer Gesundheit finden. Noch einmal: Den Alltag der Psychiatrie-Erfahrenen gibt es nicht. Wie dieser Alltag sich gestaltet, hängt ganz entscheidend vom Krankheitsverständnis aller Beteiligten ab: Betroffene, Angehörige, Profis aber auch in der Bevölkerung im Allgemeinen. Mein Alltag unterschied sich bis vor kurzem von dem Nicht-Psychiatrie-Erfahrener allenfalls dadurch, dass ich zusätzlich zu meinem Beruf, meiner politischen Arbeit und meinen sonstigen Hobbys in der Selbsthilfe und Interessenvertretung Psychiatrie-Erfahrener engagiert bin. Im Moment bin ich nicht berufstätig. Nachdem ich im letzen Herbst sechs Wochen wegen der Psychose und in diesem Frühjahr noch einmal fünf Wochen wegen einer post-psychotischen Depression krankgeschrieben war, hat der Regierungspräsident eine amtsärztliche Untersuchung angeordnet. Ich war mit der Amtsärztin einig darüber, dass es gut sein könnte, ein Jahr zu pausieren, um wieder richtig gesund zu werden. So bin ich gegenwärtig im einstweiligen Ruhestand. Ich nutze diese Zeit zum einen, um alte schlecht verheilte seelische Verletzungen aufzuarbeiten, denn ich habe erkannt, dass sie mich auch bei der letzten Psychose, wenn auch in etwas anderem Gewand, wieder eingeholt haben. Zum anderen habe ich neben Politik und Selbsthilfe meine historischen Forschungen wieder aufgenommen. Das Stöbern in Archiven, was mir sehr viel Spaß macht, habe ich nach meiner Staatsexamensarbeit 1982 neben Beruf, Politik und Selbsthilfearbeit nur noch sehr sporadisch betreiben können. Mein Tag ist also auch gegenwärtig ausgefüllt mit Dingen, die mir gut tun, die mir Freude machen und die mich interessieren. Andere Psychiatrie-Erfahrene wurden in jungen Jahren frühverrentet, arbeiten in einer Werkstatt für Behinderte, haben den Einstieg ins Erwerbsleben gar nicht erst geschafft, leben in Wohngruppen oder Heimen. Was dringend notwendig ist, ist eine sachliche Aufklärung der Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen, ihre Ursachen und mögliche Heilungschancen, um damit den Betroffenen die Chance einer wirklichen Integration in Beruf und Gesellschaft zu eröffnen. Aber diese Aufklärungsarbeit kann man nicht allein den Betroffenen aufbürden. Hier sind auch und in erster Linie die Mediziner und die Medien gefragt. Wir Betroffenen können zwar zeigen, dass wir uns in gesunden Zeiten von noch nicht Betroffenen in Interesssen, Verhalten und Leistungsfähigkeit nicht unterscheiden, wenn wir uns zu unserer Erkrankung bekennen. Aber was hilft es, wenn jemand der als verrückt abgestempelt wurde, sagt, er ist nicht verrückt. Wird dies nicht auch als Zeichen seines Verrücktseins gewertet? Da hilft es schon eher, wenn z.B. in Serien wie der Lindenstraße gezeigt wird, unter welchen Bedingungen Menschen psychisch krank und wie sie auch wieder gesund werden können. |
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Ruth Fricke ist Lehrerin und Mitglied des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V. |
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