Quelle: Soziale Psychiatrie 4/2000, S. 26-29

mit freundlicher Genehmigung der Dt. Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP)


 

Thomas Hax-Schoppenhorst

Mauern um jeden Preis

Über große Nöte und kleine Freuden bei der Öffentlichkeitsarbeit forensischer Einrichtungen

Inhalt:

 

Während in der letzten Zeit ein großes Geheimnis um dringend erforderliche neue Maßregelvollzugseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen gemacht wurde, geben sich Bürgerinitiativen prinzipiell siegessicher. Mit Parolen wie »Wir knacken jeden Standort« schüren sie Ängste und mobilisieren Bürger, die wenig wissen von der forensischen Psychiatrie und zugleich mit Maximalforderungen Klinikbetreiber und Politiker in Wallungen versetzen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geraten zunehmend außerhalb ihres Berufsalltags in Rechtfertigungszwänge. Das Ziel, dem Behandlungsauftrag für psychisch kranke Rechtsbrecher größtmögliche Akzeptanz zu verschaffen, rückt in besorgniserregende Ferne. Bisherige Informationskampagnen brachten nicht den erhofften Durchbruch.

 
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Der Maßregelvollzug steht vor einem kaum zu lösenden Dilemma: Spielt sich die Behandlung im Verborgenen ohne für den Laien erkennbare Probleme ab, wird der forensische Alltag weitestgehend ignoriert; kommt es jedoch zu spektakulären Zwischenfällen, für die die Medien stets empfänglich sind, macht sich in Windeseile Empörung breit. Gutachtern, Ärzten und Psychologen wird mit markigen Thesen jedwede Kompetenz abgesprochen, investierte Steuergelder werden in Frage gestellt, und es wird lauthals an der seelischen Erkrankung derer gezweifelt, die wieder einmal für Schlagzeilen sorgen. Öffentlichkeit ergibt sich so mit fast ausschließlich negativem Vorzeichen, wobei eine Würdigung der unzweifelhaft erreichten Erfolge in den Maßregelvollzugseinrichtungen dieser Republik geradezu chancenlos erscheint. Gilt bereits das Gespräch über seelische Erkrankungen noch immer weitestgehend als Tabu, so fühlt sich die Mehrheit überfordert, Fragen nach den Bedingungen für eine verminderte Schuldfähigkeit oder gar der Schuldunfähigkeit nachzugehen — ganz zu schweigen von dem Ansinnen, Gewalttaten als Ausdruck einer Störung der Persönlichkeit deuten zu wollen bzw. zu sollen. So ist die Arbeit in forensischen Kliniken ein kräftezehrendes Operieren mit vielen ›unbekannten Größen‹, auf die Außenstehende mit Ablehnung, Sorge und Furcht reagieren. Wenn es nicht sein muss, ist kaum jemand bereit, sich dieser Welt zu öffnen. Warum auch? Dafür gibt es Experten, und wenn diese scheinbar ihre Arbeit nicht gewissenhaft machen, bleibt immer noch die Möglichkeit, dem persönlichen Unmut freien Lauf zu lassen. Klinikleitungen und Beschäftigte müssen mit ihren Entscheidungen im Alltag den Spagat zwischen dem Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung und einer dennoch zwingend erforderlichen Überzeugungsarbeit meistern. Sie müssen Verständnis und Einsicht bei denen wecken, die ihren Wissensdurst in Bezug auf forensische Belange bislang mit dem »Schweigen der Lämmer« stillten und die mit einem generalisierten Bild der »lebenden Zeitbomben« à la Büch und Schmökel hinreichend durch die Medien versorgt wurden. Öffentlichkeitsarbeit im Maßregelvollzug gleicht einem Spießrutenlauf, dem Gang durch ein Labyrinth von Fragen, Ressentiments, Ohnmachtsgefühlen und ultimativen Forderungen.

 
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Wissenserweiterung durch Begegnung

In der forensischen Abteilung der Rheinischen Kliniken Düren haben sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wiederholt die Frage gestellt, wie mit den oben genannten Phänomenen in einer Weise umgegangen werden kann, dass aufkommende Gefühle von Hilflosigkeit und Verärgerung auf beiden Seiten überwunden oder zumindest verringert werden können. Die Ermordung einer Krankenschwester durch einen Patienten zu Beginn der 90er Jahre, der gescheiterte Versuch der Einrichtung einer forensischen Außenwohngruppe in einem Stadtteil Dürens und die spektakuläre Befreiung Bernd Büchs im Jahre 1997 hatten für manch heftige Debatte in der Rurstadt gesorgt, die eine langjährige, weitestgehend konfliktfreie Geschichte in der Betreuung psychisch Kranker vorzuweisen hat.

Wohl wissend, dass vertrauensbildende Maßnahmen nur im Laufe eines langjährigen Prozesses zum Ziel führen können, wurden bereits kurze Zeit nach der Eröffnung der neuen forensischen Abteilung im Jahre 1986 Kontakte mit Gruppierungen in der Dürener Bevölkerung geknüpft. Vor allem die im Zuge persönlicher Kontakte initiierten Gespräche mit und Besuche von verschiedenen Schulklassen erwiesen sich als geeignetes Mittel, die Distanz ansatzweise zu überwinden. Zumeist gingen den Besuchen dabei intensive Vorbereitungen im Rahmen des Politik-, Soziologie- oder Religionsunterrichts voraus, so dass bereits von einem theoretischen Hintergrund ausgegangen werden konnte. Wenn auch durch intensive Befragung der in der Klinik beschäftigten Ärzte, Psychologen und Pädagogen nicht alle Zweifel ausgeräumt werden konnten und können, so wurde das bis dahin sehr diffuse Bild vom forensischen Alltag zumindest korrigiert; Schülerinnen und Schüler erfuhren mehr von rechtlichen Hintergründen des Maßregelvollzugs, von dem Ausmaß seelischer Erkrankungen, vom Alltag der Patienten, von ihren Ängsten und Sorgen, aber auch von den hohen Anforderungen an das Personal im Umgang mit einer durchweg schwierigen Klientel. Verständnis wich latenter Ablehnung, der Dialog trat an die Stelle des betretenen Schweigens. Die Kontakte mit Dürener Schulen dauern an und wurden in den letzten Jahren sogar intensiviert.

Seit Herbst 1994 gibt es das Programm »Kultur in der Forensik«. Künstler aus allen Erdteilen sind in der geräumigen Mehrzweckhalle zu Gast. Stella Chiweshe aus Mosambik, eine afrikanische Clownshow, das in farbenfrohen Kostümen auftretende Ensemble »Baul Bishwa« aus Bengalen, Afropop aus Guinea, das Dürener Gitarrenduo »Jazzica«, das Trio »Tiharea« aus Madagaskar und nicht zuletzt »Grupo Sal« aus Tübingen: Mit ihren Tänzen, Gesängen und lebendigen Darbietungen faszinier(t)en die Gäste ihr Publikum, das zu diesen Anlässen aus Patienten der forensischen Klinik, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Besuchern aus der Dürener Bevölkerung besteht. Das Programm wurde aus der Idee heraus geboren, Möglichkeiten der eher zwanglosen Begegnung zwischen Patienten und der Öffentlichkeit zu schaffen. Veranstaltungen wie diese sind stets langfristig vorbereitet. Durch intensive Werbung über Plakate, Pressemitteilungen, Handzettel gelang es bislang, Interessierten die Schwellenangst zu nehmen. So konnten bei den letzten beiden Konzerten mit »Grupo Sal«, die zu einer musikalischen Reise durch den südamerikanischen Kontinent einlud, jeweils 125 Gäste gezählt werden, wobei mehr als die Hälfte Besucher von außen waren. Diese nahmen den für sie eher ungewohnten Beginn der Kulturveranstaltung gelassen; sie ließen die nicht zu vermeidenden Kontrollen kommentarlos geschehen und akzeptierten es schnell, dass so manche Tür vor bzw. hinter ihnen geschlossen wurde. Die Patienten der Klinik waren aktive Mitgestalter: Sie begleiteten den gesamten Aufbau, versorgten die Besucher mit Getränken, und hin und wieder wagte man auch ein Gespräch. Im Verlauf der Veranstaltung gab es dann keine Trennung; Gäste und Patienten saßen gemeinsam im Publikum, um den Klängen aus mitunter fernen Welten zu lauschen. In den Pausen tauschte man sich aus — immerhin ein Anfang. Das Kulturprogramm wird in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt, wobei sich durch die Angebote der letzten Jahre ein Stamm von Interessenten gebildet hat, die bereits auf das nächste Konzert warten.

Seit 1990 wird es in der Arbeitstherapie der forensischen Abteilung ab Anfang Oktober besonders unruhig. In diesem Zeitraum präpariert ein Arbeitstherapeut, der gelernter Tischler und Krankenpfleger ist, mit fünf Patienten einen Verkaufsstand für den bevorstehenden Weihnachtsmarkt. Ein Bündnis der sozialen Verbände in Düren nutzt seit Ende der 80er Jahre die Möglichkeit, in der Vorweihnachtszeit an diesem Stand über die jeweilige Arbeit zu informieren und Selbstgebasteltes zu verkaufen, wobei der Erlös der wichtigen Arbeit des Betreibers zugute kommt. Neben der Unicef-Ortsgruppe, der Arbeiterwohlfahrt, der örtlichen Blindenschule, der AIDS-Hilfe und acht weiteren karitativen Einrichtungen sind auch Mitarbeiterschaft und Patientenschaft (soweit es der Ausgangsschlüssel zulässt) der forensischen Abteilung an drei Tagen an diesem Stand vertreten. In der Arbeits- und Beschäftigungstherapie hergestellte Artikel werden ausgestellt und zum Verkauf angeboten, und mit interessierten Passanten kommt es hin und wieder zu einem Gespräch über die Arbeit in der Abteilung. Wenn auch das Gros der Weihnachtsmarktbesucher alles andere wünscht, als sich gerade in dieser Zeit mit den eher dunklen Seiten des Lebens konfrontiert zu sehen, so wurde die Beteiligung an dieser Initiative aus guten Gründen nicht aufgegeben: Im Laufe der Jahre entwickelte sich, ohne dass nun viel Aufhebens davon gemacht wurde, die Beteiligung der forensischen Klinik zur festen Institution, zur Gewohnheit im guten Sinne. Das ansonsten eher abgekapselte Dasein der Patienten wurde und wird für einen Moment unterbrochen. Den »Gemiedenen« wird ein Platz im öffentlichen Alltag gewährt.

 
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Runder Tisch

Zu Beginn der 90er Jahre wurde in Düren der »Runde Tisch für Toleranz und Menschlichkeit« ins Leben gerufen. Unter der Schirmherrschaft des amtierenden Bürgermeisters treffen sich in regelmäßigen Abständen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Initiativen und Verbände, um darüber ins Gespräch zu kommen, wo und in welcher Weise in der Stadt gegen die Gebote von Menschlichkeit und Toleranz verstoßen wird. Das Handlungsfeld dieses Zusammenschlusses ist ebenso umfangreich wie vielschichtig. Fragen nach der Integration ausländischer Kinder in Dürener Schulen stehen gleichberechtigt neben der Diskussion, wie man die Zentrale einer großen Supermarktkette dazu bewegen kann, die Filiale in der Nähe des Berufsförderungswerkes für Blinde und Sehbehinderte mit einigen Spezialgeräten auszurüsten, die es Menschen ohne Augenlicht ermöglichen, Preise ohne fremde Hilfe zu lesen. Im Laufe der Jahre wurde der runde Tisch zu einem Faktor, den man nicht unbeachtet lässt. Es ist schon beeindruckend, zu erleben, mit welcher Ernsthaftigkeit und mit welch hohem Anspruch an sich und das Gegenüber Menschen verschiedener Kulturen, Berufe, Konfessionen und Parteienzugehörigkeit um das Image ihrer Stadt ringen, in der nach Möglichkeit auch in Zukunft Toleranz kein Fremdwort sein soll. Vertreter der Rheinischen Kliniken Düren sind Teilnehmer an dem runden Tisch. Auf diese Weise kann einer Tendenz entgegengewirkt werden, die man als Separierung oder Isolierung von sozialen Fragen bezeichnen könnte. Das Gebot, den Belangen aller (Problem-) Gruppen ohne Unterschiede gerecht zu werden, verbietet gewissermaßen eine Aufspaltung in ›sinnvolle‹ und ›weniger sinnvolle‹ Betätigungsfelder. Forensische Patienten und Mitarbeiter hätten hier im Bedarfsfall eine Lobby. In der Vergangenheit fungierte der runde Tisch als Vermittler zwischen Klinik und einer Bürgerinitiative, die die Pläne zur Einrichtung einer Außenwohngruppe für forensische Patienten mit einem groß inszenierten symbolischen »Graben der Ablehnung« vor den Toren der potenziellen Wohnstätte kommentierte.

 
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Kollegen am Arbeitsplatz

Zu dem Sektor der eher indirekten, dafür nicht minder effektiven Öffentlichkeitsarbeit ist in Düren die Arbeit der forensischen Ambulanz zu rechnen. Ein Team, bestehend aus einem Diplompädagogen, einer Diplomsozialarbeiterin und einem pädagogischen Mitarbeiter, kümmert sich in besonderer Weise um die Belange der Patienten, die langfristig auf eine eventuelle Entlassung vorbereitet werden sollen. Hier gilt es, sich intensiv und frühzeitig den Bereichen Wohnen, Arbeit, Freizeit und Sozialkontakte zu widmen. Während bei der Vermittlung von Plätzen in Wohngruppen bzw. betreute Wohnformen Kontakte mit einer fachkundigen Öffentlichkeit unterhalten werden (obwohl auch hier die für forensische Patienten geltenden Spezifika den Kollegen in den psychosozialen Berufen mit großer Sensibilität vermittelt werden), müssen auf dem Arbeitssektor Bündnisse mit völlig fachfremden Vertretern aus Industrie und Wirtschaft geschlossen werden. Aufgrund der verhältnismäßig langen Unterbringung und dem damit verbundenen Verlust von in der Zeit vor der Maßregel erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten muss die Orientierung auf dem Arbeitssektor oft wieder bei Null beginnen. Bei der noch immer als angespannt zu bezeichnenden Lage auf dem Arbeitsmarkt sind die Chancen forensischer Patienten — nicht zuletzt durch das häufige Fehlen jedweder Qualifikation — als sehr gering einzustufen. Da es jedoch unerlässlich ist, Erfahrungen darüber zu sammeln, wie Patienten als Arbeitskräfte zurechtkommen, steht die forensische Ambulanz seit 1991 mit ca. 25 Firmen und Betrieben im Großraum Düren in Kontakt. Diese gewähren nach eingehender vorhergehender Absprache mit der Klinik Interessenten die Möglichkeit, auf der Basis eines mehrmonatigen Praktikums den geplanten Wiedereinstieg in das Berufsleben zu trainieren. Papierfabriken, Schlossereien, Tischlereien, Supermärkte, Großhandelsketten, Schuhmacherbetriebe — die Liste der Kooperationspartner ist im Laufe der Jahre erfreulich lang geworden. Vorbereitung und Begleitung sind dabei sehr arbeitsintensiv, da die zukünftigen Chefs und Kollegen mit der speziellen Ausgangssituation vertraut gemacht werden müssen. Bis zu dem ersten Kontakt war die forensische Welt für die Mehrheit ein unbeschriebenes Blatt. In orientierenden Gesprächen müssen Anliegen, Ziele des Arbeitsversuchs, benennbare Probleme und zu erwartende Schwierigkeiten des ausgesuchten Patienten sowie Fragen des Umgangs mit dem zukünftigen Arbeitgeber bis ins Detail abgesprochen werden. Auf diese Weise erlangen die außerhalb Beteiligten einen ersten Eindruck von den Belangen des Maßregelvollzugs (viele Arbeitgeber nehmen auch das Angebot eines Besuchs in der Abteilung dankend an). Unbekannte Größen werden so nach und nach in bekannte Größen umgewandelt. Daran schließt sich die Zeit der Bewährung für die betroffenen Patienten an. Nun liegt es an ihnen, die Tugenden eines zuverlässigen Arbeitnehmers wieder neu zu entdecken, sich auf dem ausgewählten Arbeitssektor nach und nach zu entfalten, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass sich der Versuch gelohnt hat. In der Regel ist dies eine Zeit der besonderen Herausforderung, da Praktikum und Klinikalltag in verträglicher Weise abgestimmt werden müssen. Im Oktober 2000 konnte das 80. Praktikum dieser Art erfolgreich gestartet werden. In der Zwischenzeit gab es, wie nicht anders zu erwarten, Höhen und Tiefen. Vier Praktika mussten aus Behandlungsgründen vorzeitig abgebrochen werden, in acht Fällen wurde der Praktikantenstatus in ein festes Arbeitsverhältnis umgewandelt, drei Praktikanten schlossen nach Verstreichen der vereinbarten Zeit mit ihren Arbeitgebern einen Ausbildungsvertrag ab. Wenn auch in einigen Fällen von den Mitarbeitern eine Idealisierung des Patienten durch die Vorgesetzten (»Eigentlich ist er doch ein guter Junge …«) behutsam relativiert werden musste, so brachten und bringen solche Orientierungen auf dem Arbeitssektor bemerkenswerte Vorteile für alle Beteiligten: Die Patienten können sich auf klinikfremdem Terrain neu erfahren und ihre Kompetenzen unter Beweis stellen, den kooperierenden Betrieben steht für einen Zeitraum eine in den meisten Fällen bereitwillige und interessierte Arbeitskraft zur Verfügung. Ein weiterer Vorteil dieser Projekte liegt in der Art der Öffentlichkeitsarbeit. Ein Dürener Tischler, der die Anfrage der forensischen Ambulanz zunächst mit einigem Zögern aufgriff, brachte es kürzlich in einem Auswertungsgespräch auf den Punkt: »Erst konnte ich nichts darüber sagen, wen ich vor mir hatte. Ich habe zunächst den Ausführungen des Klinikpersonals grundsätzlich Glauben geschenkt und sah auch keinen Anlass zu Zweifeln. Man hat schließlich so etwas wie eine soziale Verantwortung, und da habe ich erst einmal Ja gesagt. Im Laufe der Wochen wurde mir vieles klarer, ohne dass ich nun vergesse, was X (Name des Patienten) getan hat. Jetzt weiß ich mehr über sein Leben in der Klinik, über Probleme, die er nicht in den Griff bekommt; ich kenne einige der Mitarbeiter und weiß, mit wem ich es zu tun habe. Die Klinik war bis vor einigen Monaten ein Buch mit sieben Siegeln für uns. Das ist nun vorbei.« Ende November begann der Patient ein vorerst auf ein halbes Jahr befristetes Arbeitsverhältnis als Hilfsschreiner, dann will man gemeinsam mit Vertretern des Arbeitsamtes über eine Umschulung nachdenken. Öffentlichkeitsarbeit hat viele Gesichter.

 
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Weit entfernt ist gerade weit genug

Anfang November 2000 führten Schülerinnen und Schüler des Mittelkurses der der Klinik zugehörigen Krankenpflegeschule eine Befragung in der Dürener Innenstadt durch. Es war das erklärte Ziel, mehr darüber in Erfahrung zu bringen, wie die Bürgerschaft über das Vorhandensein einer psychiatrischen Einrichtung (die forensische Abteilung ist Bestandteil einer großen Klinik mit 511 Behandlungsplätzen und derzeit 977 Mitarbeitern) denkt. Die Nachrichten wurden zu diesem Zeitpunkt dominiert von der Entweichung des Patienten Frank Schmökel aus einer Maßregelvollzugseinrichtung in Neuruppin und von der Tötung eines Rentners durch den Flüchtenden. So wundert es wenig, dass die Antworten auf Fragen, welche sich fast ausschließlich auf die allgemeinpsychiatrischen Aufgaben der Klinik bezogen, von Besorgnis und Unverständnis in Bezug auf das aktuelle Geschehen begleitet wurden. Hierbei wurden Mängel deutlich, die auch andernorts und bei vorhergehenden Befragungen immer wieder auffielen. Das Wissen um den gesetzlich verankerten Behandlungsauftrag ist minimal. Eine verschwindende Minderheit wusste von dem rechtlichen Rahmen, Begriffe wie »Sexgangster« und »Kinderschänder« wurden mit verhaltener Stimme in die Diskussion geworfen. Generell galt die Verdrängungsformel »Weit entfernt ist gerade weit genug!«; was man Patienten aus dem Bereich der Allgemeinpsychiatrie fast bedenkenlos zubilligen wollte (z.B. betreute Wohnformen im Stadtgebiet), sollte unter keinen Umständen für forensische Patienten gelten dürfen! Auf der anderen Seite betonten die meisten Antwortenden, dass ein Mehr an sachgerechter Information die aufgekommene Verunsicherung und Angst unter Umständen reduzieren könnte.

 
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Fazit

Die hier beschriebenen Bemühungen, den forensischen Alltag vor Ort reibungsloser und zufriedenstellender zu gestalten, können nur ein Anfang sein. So unvollkommen und empfindlich gegenüber drohenden Rückschlägen sie sein mögen, so wichtig sind sie. Öffentlichkeitsarbeit auf dem Sektor des Maßregelvollzugs wird immer die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit der massiven Gegenrede einkalkulieren müssen. Speziell in Zeiten immer knapper werdender Kassen und ausufernder Verteilungskämpfe sollten die Verantwortlichen und Beschäftigten damit rechnen, dass Versuche unternommen werden, Wut und Verärgerung über sozial- und wirtschaftspolitische Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten an die Schwächsten weiterzuleiten. Deshalb darf Öffentlichkeitsarbeit noch lange nicht, so wünschenswert es auch manchmal wäre, auf einen staatsbürgerkundlichen Nachhilfeunterricht hinauslaufen. Auf Belehrung reagieren die meisten allergisch. Ablehnung resultiert nicht selten aus Unwissenheit, aus Angst vor dem, was kommen könnte. Klarheit kann hier dafür Sorge tragen, dem Widerstand die Spitzen zu nehmen. Dabei wird es kaum möglich sein, völligen Konsens zu erreichen, denn die Toleranz, die Bundesbürger bei so manchen Fragen der Sicherheit gelten lassen wollen (z.B. im Flug- und Straßenverkehr oder mit Blick auf die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens), gilt nicht in forensischen Fragen! Diesen irrationalen Momenten mit opulenten Statistiken und stets »neuesten« Erhebungen entkräftend begegnen zu wollen, führt nicht zu den ersehnten Einsichten. Die Chance des Maßregelvollzugs liegt daher in der Transparenz und in der Veranschaulichung der immensen Bemühungen, die sich in der Mehrzahl der Fälle hinter den Mauern abspielen; sie liegt in der nüchternen Beschreibung des Ist-Zustandes (ohne Aussparung der Gefährlichkeit mancher Patienten) und unter Umständen in der bedachtsamen Korrektur manch abenteuerlicher Bilder von forensischen Patienten; sie liegt auch in der glaubhaften Darstellung der Tragik, die mit dem — unter Umständen Jahrzehnte andauernden — Dasein in Maßregelvollzugseinrichtungen verbunden ist. Hierbei kann es nur von Vorteil sein, den Schulterschluss mit anderen sozialen Initiativen zu suchen, denn schließlich ist die Ausgrenzung von Randgruppen ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Zeit drängt, bleiben doch über lange Zeiträume fehlende Würdigungen nicht ohne Auswirkungen auf die Motivation der Mitarbeiterschaft. Ein pflegerischer Kollege berichtete kürzlich, er überlege sich dreimal, wo er nach Feierabend seine Zeit verbringe; in der Dorfgaststätte hatten ihn wiederholt weniger einfühlsame Zeitgenossen mit der süffisanten Frage empfangen: »Na, wen hast du denn heute laufen lassen?« … So entlastend und befreiend platzierte Scherze gerade für Menschen in sozialen Berufen sein können, so beschämend und missbilligend sind Sticheleien wie diese; sie reduzieren das beruflich sicherlich engagierte Gegenüber auf die Rolle des »Wärters«, der zu allem Überfluss noch verschlafen sein Amt ausführt und damit leichtfertig das Wohl der Allgemeinheit aufs Spiel setzt. Solche und andere Bilder können aber nur aufkommen, wenn unklar bleibt, was geschieht. Gelingt es, einen Bruchteil von den Anstrengungen im Maßregelvollzugsalltag in das Bewusstsein derer zu rücken, die heute noch schmunzeln oder gar Verachtung hegen, wäre viel erreicht.
 

 

Thomas Hax-Schoppenhorst ist seit 1987 pädagogischer Mitarbeiter in der forensischen Abteilung und Dozent an den Ausbildungsschulen der Rheinischen Kliniken Düren; er ist Autor zahlreicher Unterrichtseinheiten zu politischen Themen und Verfasser von Kinder- und Sachbüchern.

 
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