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Quelle: Frankfurter Rundschau v. 17.7.2001, S. 23 |
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Micha Hilgers (zum Autor, s.u.) AufschließenAlle Jahre wieder die Debatte um Sexualstraftäter mit stets den gleichen Argumenten. »Wegschließen, und zwar für immer«, kanzelt Gerhard Schröder Gutachter und Gerichte ab. Genetischer Fingerabdruck für alle Sexualstraftäter, assistiert Bayerns Innenminister Günther Beckstein. Und sowieso härtere Strafen, findet der rechtspolitische Sprecher der CDU/CSU, Norbert Geis. Mehr Therapie hingegen fordert der Anwaltsverein. Umfassende DNA-Dateien für alle Sexualstraftäter bergen durchaus nicht nur Ermittlungsvorteile ganz abgesehen von rechtlichen Bedenken: Denn wenn ein Täter sicher sein kann, dass sein genetischer Fingerabdruck zu seiner Identifizierung führen wird, könnte er sich zum Mord an seinem Opfer und der anschließenden Vernichtung von Leiche und DNA-Spuren durch Anzünden entschließen wie bei der kleinen Julia aus Biebertal geschehen. Der vorgebliche Sicherheitsfaktor Gendatei würde sich auf diese Weise als tödliches Risiko für potenzielle Opfer entpuppen. Nicht alle psychisch kranken Sexualstraftäter sind Pädophile, und die wenigsten Pädophilen begehen ein Tötungsdelikt. Zwischen drei und zehn Kinder fallen pro Jahr in Deutschland einem pädophilen Tötungsdelikt zum Opfer. Die meisten Gerichte gehen inzwischen rigoros gegen die Täter vor. Woran es jedoch weiter mangelt, sind Einrichtungen für Patienten, qualifiziertes Personal und Netzwerke für die Zeit nach der Entlassung. Weder gibt es ausreichend Betten in speziellen forensischen Kliniken, so dass viele Patienten in dafür völlig ungeeigneten allgemeinpsychiatrischen Stationen untergebracht sind. Noch verfügen die Kliniken über ausreichend qualifiziertes Personal und ausgefeilte Therapieangebote. Deshalb schielt man etwas neidisch nach den Niederlanden hinüber, wo seit langem auch eine Debatte über die (wenigen) nicht ausreichend behandelbaren Täter geführt wird. Behandelbar sind sie eigentlich alle. Allerdings oft nicht so weit, dass an Entlassungen oder Lockerungen zu denken ist. Häufig ist es bereits ein großer Therapieerfolg, wenn die Täter unter humanen Bedingungen untergebracht sind und wenigstens dort keine weiteren Straftaten mehr begehen. Doch dazu bedarf es so genannter Long-Stay-Einrichtungen für jene, die zwar behandelt, aber nicht ausreichend geheilt werden können. In der Bundesrepublik ist diese Debatte wegen der deutschen Vergangenheit viel schwerer zu führen als beim kleinen Nachbarn. Denn hier zu Lande bestimmt entweder die Kopf-ab-Schwanz-ab-Fraktion die Tonlage oder sozialromantische Ideologien leugnen, dass die psychischen Schädigungen mancher Täter nicht mehr zu beseitigen sind. Selbst bei hinreichendem Behandlungserfolg scheitern Entlassungen: Denn die forensischen Kliniken stehen händeringend vor der Frage, wohin sie denn ihre Patienten entlassen sollen, solange Netzwerke und Heimeinrichtungen bundesweit Mangelware sind. Heime weigern sich, forensische Patienten aufzunehmen, Bewährungshelfer sind fachlich und zeitlich überhaupt nicht auf Sexualstraftäter vorbereitet, dauerhafte Begleitungen durch die Führungsaufsicht sind gesetzlich gar nicht vorgesehen und könnten wegen Personalmangels auch gar nicht erfolgen. Schließlich: Täterprophylaxe und Opferschutz beginnen in den verelendeten Familienverhältnissen. Denn sowohl die Täter als auch die Opfer chronischer sexueller Übergriffe im familiären Bereich entstammen fast immer ähnlichen psychosozialen Milieus. Doch auch hier: leere Kassen bei Jugendämtern und kommunalen Haushalten. Gespart wird an Maßnahmen wie zum Beispiel sozialpädagogischen Familienhilfen, außerhäusigen Unterbringungen für Kinder und gemeindenahen kinderpsychiatrischen Einrichtungen. Auf der politischen Agenda sollte vor dem endgültigen Wegschließen der Täter erst einmal das Aufschließen der Budgets für präventive Maßnahmen und die Nachsorge für entlassene Straftäter stehen. |
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Micha Hilgers, Dipl.-Psychologe, Psychoanalytiker DGIP/DGPT und Publizist, Supervisor an verschiedenen psychiatrischen und forensischen Einrichtungen, Dozent am Alfred-Adler-Institut Aachen-Köln. Zahlreiche Publikationen zu Behandlungstechnik, Rechtsextremismus, Gewalt, Umweltpolitik und Scham, regelmäßige Publikationen in der »Frankfurter Rundschau« und der »taz«. |
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