Quelle: Soziale Psychiatrie 4/2000, S. 7-9

mit freundlicher Genehmigung der Dt. Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP)


 

 

Ulrike Hoffmann-Richter

Sensation psychische Krankheit

Zur Rolle der Medien in der Stigmadiskussion

Inhalt:

 

Im »Baseler Medienprojekt« wurden unter Leitung der Autorin sechs deutschsprachige Tages- und Wochenzeitschriften in Hinblick auf Schlüsselbegriffe wie Psychiatrie, Schizophrenie, Psychotherapie untersucht. Das Ergebnis ist nachzulesen in dem vor kurzem in der Edition Narrenschiff im Psychiatrie-Verlag erschienenen Buch »Psychiatrie in der Zeitung«. Für ihre Arbeit erhielt die Autorin den diesjährigen DGSP-Forschungspreis. Der folgende Beitrag informiert über das Projekt und fasst wichtige Ergebnisse zusammen.

Die Erfahrung der Nähe des Wahnsinns verstärkt die Angst, den Kranken ähnlich zu werden und führt zu einer zwanghaften Suche nach Zeichen der Unterscheidung, die so weit geht, zu wünschen, dass die Kranken Kennzeichen tragen …

DENISE JODELET
Soziale Repräsentation psychischer Krankheit in einem ländlichen Milieu in Frankreich,
1997, S. 274

Aus dem Baseler Medienprojekt sind in den letzten Jahren eine Reihe von Teilergebnissen publiziert worden. Sie zeigten, dass die Schizophrenie zu einem erheblichen Teil als »kriminogenes Leiden« dargestellt wird; dass Schizophrenie als Metapher fast ausschließlich negativ konnotiert wird und neben ›paradox‹ oder ›widersprüchlich‹ die Bedeutung von ›unheimlich‹, ›unberechenbar‹, ›bedrohlich‹ und ›gefährlich‹ enthält; dass Neuroleptika als nebenwirkungsreiche, wenn nicht gar schädliche, lediglich sedierende und ohne klare Indikation verordnete Medikamente verstanden werden. In nicht deutlich abgrenzbarer Weise werden Antidepressiva und Tranquilizer dargestellt. Psychiatrische Begriffe werden in Printmedien häufig verwendet. Dennoch wird die Psychiatrie selten Thema. Wie kann das sein?

 
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Das Baseler Medienprojekt — Methode und Ergebnisse

Schizophreniekranke tauchen am häufigsten im Zusammenhang mit Gewalt und schweren Straftaten auf — auch in seriösen Printmedien. Das hat die Studie neuerlich bestätigt. Psychiatrie erscheint überaus häufig im Zusammenhang mit Typisierungen von Psychiatern in Fernsehen, Film und Literatur oder in Kritiken dazu. Nebenwirkungen sind neben Straftaten eine der häufigsten Anlässe, auf Psychopharmaka Bezug zu nehmen. Sind psychiatrische Themen nur für schlechte Nachrichten gut? Für das schauerliche Distanzieren angesichts einer schrecklichen Tat? Gibt es nichts anderes an ihnen, was die Leserschaft interessieren könnte? Und andererseits: Wird hier nicht das Bild verzerrt? Gibt es nicht in den letzten Jahren zunehmend Berichte über wissenschaftliche Untersuchungen auf dem Gebiet der Psychiatrie? Gibt es nicht Berichte über psychiatrische Einrichtungen und Behandlungsmethoden?

Ein Teil der früheren Analysen konstatierte eine Verbesserung der Darstellung psychiatrischer Themen in der Presse; andere stellten keine wesentlichen Veränderungen fest. Diese Diskrepanz hängt nicht nur mit den untersuchten Printmedien zusammen (z.B. Illustrierte, Boulevardblätter, Tages- und Wochenzeitungen), sondern auch mit der Auswahl der Artikel: Betrachtet man gezielt die Berichterstattung über psychiatrische Einrichtungen, so hat sich gegenüber den 70er Jahren einiges verändert. Stehen die Lokalteile im Zentrum der Aufmerksamkeit, wird die Darstellung geprägt von den Gerichtsreportagen und Berichten über psychisch kranke Rechtsbrecher. In aller Regel fehlen in solchen Untersuchungen jedoch nicht nur Artikel mit bloßen Erwähnungen psychiatrie-relevanter Begriffe, sondern beispielsweise auch Verweise auf Radiosendungen, Fernsehsendungen, Programme und Filmhinweise. Die Metaphern waren bisher vollständig ausgeschlossen. Herkömmliche Suchsysteme haben sich auf die Darstellung psychiatrischer Inhalte konzentriert.

D.h., das gefundene Bild der Psychiatrie in den Zeitungen und Zeitschriften hat viel mit der Untersuchungsmethode zu tun. Und diese war im Basler Medienprojekt eine Volltextanalyse auf der Grundlage ganzer Zeitungsjahrgänge auf CD-ROM der Frankfurter Allgemeinen, der Neuen Zürcher, der Süddeutschen, der taz, des Spiegels und der Zeit aus den Jahren 1994 bis 1996. Erst dadurch wurde es möglich, zu untersuchen, wie die verwendeten Begriffe verstanden werden und welches Bild der Psychiatrie in den untersuchten Printmedien entsteht.

 
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Warum seriöse Printmedien analysieren?

Man könnte einwenden, dass es sinnvoller wäre, sich mit der Boulevardpresse zu beschäftigen. Aber zum einen standen Bild-Zeitung, Schweizer Blick und andere nicht auf CD-Rom zur Verfügung, zum anderen schien es uns durchaus von Interesse, wie denn in den seriösen Zeitungen über Psychiatrie gesprochen wird. Und wie sich zeigte, sind auch dort sensationsheischende Berichte und Schlagzeilen über Straftaten psychisch Kranker dominant. Das Fernsehen ist zwar wichtig, seine Bedeutung für die Nachrichten ist aber nicht gewichtiger. Und Bild- zusammen mit Textsequenzen zu untersuchen, ist noch weitaus aufwändiger. Was die Zeitungsanalyse zutage förderte, ist durchaus der Kenntnisnahme wert. Denn die Darstellung psychiatrischer Themen ist dort — entgegen den Erwartungen — durchaus nicht ausgewogen. »Mit meiner Lokalzeitung habe ich einen guten Kontakt. Die schreiben sowas nicht.« So lautete ein Einwand gegen die Studienergebnisse: Weil die persönlichen Erfahrungen der Analyse widersprächen, könne die Analyse nicht korrekt sein. Leider greift diese Schlussfolgerung zu kurz. Zum einen sind in den untersuchten Zeitungen sachliche Berichte sehr selten. Sie fallen quantitativ kaum ins Gewicht. Zum anderen aber besteht hier in der Tat eine der wirkungsvollsten Interventionsmöglichkeiten, die bei überregionalen Printmedien in dieser Form nicht gegeben ist: der persönliche Kontakt zwischen psychiatrisch und journalistisch Tätigen, der eine Veränderung der Sicht auf die Psychiatrie und psychisch Kranke in Gang setzen kann. Und was ändern diese wenigen, sachlichen oder gar positiv konnotierten Berichte, wenn das Übergewicht nach wie vor bei Straftaten, Gerichtsberichten, klischeehaften Figuren und Metaphern liegt? Darin waren sich die untersuchten Printmedien erschreckend gleich. So würde es auch nichts nützen, die Zeitung zu wechseln, denn die Entscheidung für eine andere böte keine Alternative.

 
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Medienwirkung

Weil uns die Rolle der Medien in der Stigmadiskussion unter den Nägeln brennt, entsteht schnell das Bedürfnis, Einfluss auf den Prozess nehmen zu können. Noch ehe die Frage recht bedacht, geschweige denn beantwortet ist, was diese Ergebnisse der Inhaltsanalyse nun bedeuten, kommt die Frage, wie die Darstellung psychiatrischer Themen in den Medien wirke. Welchen Einfluss hat sie nun auf die Leserinnen und Leser — auf die Rezipienten, wie sie in den Medienwissenschaften heißen? Diese Frage ist nicht allgemein beantwortbar. Zu viele Dinge spielen hier hinein. Von einfachen Modellen in den 20er und 30er Jahren haben sich in letzter Zeit komplexe Theorien der Wirkung entwickelt. Analysen sind aufwändig und entsprechend selten. Zur Wirkung der Darstellung psychiatrischer Themen in einzelnen Medien, z.B. Printmedien oder im Fernsehen auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe in einer bestimmten Zeit, gibt es keine Untersuchungen. Und nur solch eine schon recht enge Fragestellung wäre untersuchbar. D.h., die Wirkung bezöge sich jeweils auf eine historische, gesellschaftliche Situation, in der die jeweilige Darstellung der untersuchten Medien dann erforscht werden könnte. Rückschlüsse aus anderen Studien sind möglich. Wiederholt zitiert wurde beispielsweise die Studie von Häfner und Beckmann über den Werther-Effekt der Sendung »Tod eines Schülers«. Oder die repräsentative Bevölkerungsbefragung von Angermeyer und Siara vor, zwischen und nach den Attentaten auf Lafontaine und Schäuble über die Einstellung zu psychisch Kranken (1994).

Einigkeit besteht darüber, dass die Medien eine wichtige Rolle in der Meinungsbildung spielen. Für die Medizin haben sie nach Ansicht einiger Autoren als entscheidende Orientierung nahe Angehörige und den Hausarzt abgelöst. Sie sind keineswegs zu vernachlässigen, wenngleich ein beliebiges Wecken von Interesse oder Prägen von Meinung in völliger Unabhängigkeit von wichtigen Personen oder Gegebenheiten nicht möglich ist. Der Einfluss ist vom Thema, dem Vorwissen und der persönlichen Erfahrung zum jeweiligen Bereich abhängig. Zweifellos wirken Medien verstärkend auf bereits vorgefasste Meinungen.

 
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Können und sollen die Medien uns die Welt erklären?

Uneinigkeit besteht derzeit darüber, welche Erwartungen an die Medien realistisch sind. Was wir über unsere Gesellschaft und über die Welt wüssten, wüssten wir durch die Massenmedien, schrieb Luhmann 1996. Wir wüssten zwar, dass wir ihnen als Quelle nicht trauen könnten. Unser Verdacht der Manipulation führte aber nicht zu entsprechenden Konsequenzen, da sich das aus den Massenmedien entnommene Wissen »wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt«. Können die Medien, sollen sie uns die Welt erklären? Erwartungen an seriösen Journalismus zielen in diese Richtung. So spricht Gerhard Mauz davon, … dass guter Journalismus darin bestehe, die Leser bei dem abzuholen, was sie lesen wollen und von dort eine Brücke zu dem zu bilden, was sie lesen sollen. Oder Kapuscinski beklagt, … dass die notwendige Vorbildung für die Journalisten heute fehle, die Welt beschreiben zu können (FAZ, 13. Februar 1999): Seriöse Recherche vor einer Berichterstattung sei heute die Ausnahme. Wo beispielsweise Reisen in Krisengebiete stattfänden, geschehe dies häufig, ohne dass die Reisenden eine ungefähre Ahnung der Geographie der Region hätten, die sie binnen Stunden bis wenigen Tagen wieder verließen — geschweige denn vom Land, der Nation, der Kultur. Entsprechendes gilt für den Wissenschaftsjournalismus: Die Fülle der Zeitschriften, Internet-Nachrichten und sonstigen Informationswege zwingt zur Reduktion. Selten ist ein Journalist mit dem speziellen wissenschaftlichen Gebiet, über das er berichtet, wirklich vertraut. Finzen u.a. haben dies am Beispiel der Befragung von Fachjournalisten und Journalistinnen zur Schizophrenie beschrieben. Die Art der Textproduktion tut ein Übriges, oft nur Bruchstücke des Fachwissens zu transportieren (Biere, 1993). Zur Kritik an den Medien gehört ihre »Agenda-Setting-Funktion«. Das bedeutet, dass sie die Ereignisse und Themen bestimmen, die gesellschaftlich diskutiert werden — eben dadurch, dass sie über sie berichten. Andere werden kein Thema, lösen keine Diskussion aus.

Eine heftige Reaktion löste in einer Arbeitsgruppe des Projekts ein Videoausschnitt zu »Patientengewalt« aus: Es zeigte Ereignisse auf einer geschlossenen psychiatrischen Akutstation. Vorrangig ging es um einen Patienten, der in der Einführung beiläufig als »kein typischer Psychiatrie-Patient« bezeichnet wurde, dann aber die Sendung zur Gewalt, die von Patienten ausging, wesentlich dominierte. Die Gruppe verstrickte sich umgehend in eine Diskussion um Gewalt und Zwang in der Psychiatrie. Dann brachen die Kontroversen auf: Solche und ähnliche Sendungen über Psychiatrie sollten überhaupt nicht gesendet werden. Sie könnten die Vorerwartungen, die Stereotype nur verstärken. Die Sendungen sollten unbedingt gezeigt werden, weil sie eine Diskussion — wie soeben in der Gruppe — auslösten. Und das müsse das erste Ziel sein. Enttabuisierung sei wichtig. Und schließlich sei dies ja die Realität. Kann ein Ausschnitt der Reaktionsweisen von Patienten und Pflegepersonal auf einer Akutstation überhaupt »die Realität« spiegeln?

Ziel sei es doch, Affekte auszulösen. Dann müssten die Leute Stellung nehmen. Aber wie ist das mit den Affekten? Wieviel wissen wir über die Wirkung der Gewaltdarstellungen in den Medien? Zweifellos können Veränderungen nicht entgegen den eigenen, das Thema begleitenden Affekte bewirkt werden. Aber Affekte loszutreten genügt nicht. Sie können sich ebenso schnell wieder ändern, wenn sie nicht begleitet, kommentiert, mit Information versehen werden. Und hier stellt sich wieder die Frage, mit welcher. Leserinnen und Leser, Zuschauer seien mündige Bürger und könnten sich ihre Sendungen, Unterhaltung und Information selbst wählen. Sie bräuchten keine Zensur. Dieses Argument wird vor allem von Boulevardzeitungen, von Herstellern von Gewalt- und Porno-Videos angeführt.

Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass in Talk-Shows oder Fernsehfilmen wie »Rain-Man« oder »Mein Bruder der Idiot« die Situation von psychisch Kranken, von geistig Behinderten oder Autisten wenigstens angesprochen werde. Auch Betroffene fänden dies gut. Andererseits entspricht die Darstellung weitgehend dem Angebot, sich im Lehnsessel zu betrachten, »wie ein Idiot lebt«, so ein weiterer Teilnehmer. Diese Sendungen seien die Fortsetzung der Zurschaustellung von Missgeburten auf den alten Jahrmärkten. Sie lösten fasziniertes Schaudern aus und unterstrichen die soziale Distanz (s. z.B. Lalouschek, 1997).

Eine Verschiebung der Wertschätzung von Meinungsgebern hat schon allein dadurch stattgefunden, dass als berühmt — und damit bedeutend » nur erlebt wird, wer in Fernsehen und Zeitschriften mit hohen Einschaltquoten oder großen Auflagen zu Wort und Darstellung kommt. Was Ulrich Wickert oder Sabine Christiansen zu sagen haben, muss wichtig sein. Und von solchen Persönlichkeiten wird nicht nur erwartet, dass sie über den einen oder anderen politischen Trend in Paris oder Berlin kompetent Auskunft geben können, sondern auch zu Lebensfragen, wissenschaftlichen und ethischen Kontroversen (Gendiagnostik, Präimplantationsdiagnostik …) Stellung nehmen. Es ist, als hätten die Massenmedien keine Konkurrenz — beispielsweise durch das Gewicht von Fachexperten, Philosophen, Literaten, Psychiatern … Nur wenn die Massenmedien sich diese zu Eigen gemacht haben, wenn die Personen dort eine gute Figur gemacht haben, werden sie gehört. Dann aber hat die Reduktion bereits stattgefunden. Ob das so sein muss? In der Werbung wurden vor einigen Jahren alternative Wege entdeckt, die langsam systematisch beschritten werden: Für bestimmte Produkte Trendsetter und Verbreitungswege auszunutzen oder auf dem persönlichen Weg Produkte oder Informationen einzuspeisen.

 
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Alltag ohne psychisch Kranke

Aber das Problem allein bei den Medien zu suchen, greift zu kurz. Selbst das Bedürfnis nach Sensationsmitteilungen zur Auflagensteigerung oder zur Erhöhung der Einschaltquoten erklärt nur die Dynamik der Medien, nicht aber ihren Umgang mit psychiatrischen Themen: Im Alltag kommen psychisch Kranke weiterhin weder in den Medien noch in der öffentlichen Wahrnehmung vor. Sie erscheinen als Bewohner eröffneter Einrichtungen; als Schöpfer ›schizophrener‹ Kunst; als potenzielle Straftäter oder unter einer rätselhaften Krankheit leidend. Schlagzeilen wie die der NZZ vom 9. Mai 2000 (Stadt Zürich) »Antisemitisch motivierte Bluttat« verknüpfen gleich zwei verpönte Verhaltensweisen — Antisemitismus und Körperverletzung — als könnten sie gemeinsam angeprangert und abnormem Verhalten zugeordnet werden.

»Die Diskussion um die anonymen Vermögen reaktivierte nicht nur judenfeindliche Klischees. Im Sommer 1999 stach ein 51-jähriger Bäcker in Zürich einen israelischen Touristen nieder und verletzte ihn dabei lebensgefährlich … seit 1997 fühlte sich der 51-jährige Schaffhauser Bäcker von Schweizer Juden vom Tode bedroht. Unter anderem hörte er Stimmen in seinem Kopf, die ihn als ›antisemitisches Dreckschwein‹ betitelten …« In ähnlicher Weise hatte Horst Rademacher in der FAZ noch im Mai 1998 eine weitere unverständliche Schießerei in den USA unter dem Titel »›Berufskriminelle‹, psychisch Gestörte und Schusswaffen aller Art« kommentiert: »Ein verstörter Schüler richtet mit einem Schnellfeuergewehr in seiner Schule ein Blutbad an. Zwei Jungen, der eine dreizehn, der andere elf Jahre alt, schießen wahllos auf ihre auf dem Schulhof versammelten Mitschüler … Diese Verbrechen ereigneten sich in den vergangenen Wochen in amerikanischen Kleinstädten … Im Gegensatz zu den Schwerverbrechen, die man auf solche Weise (Restriktionen, Unterbringungen) bekämpfen kann, werden Verbrechen wie die jüngsten Attentate … nicht von ›Berufskriminellen‹ verübt. Vielmehr sind es meist psychisch gestörte Heranwachsende, Geistesgestörte, religiöse Fanatiker oder politisch Irregeleitete, die solche Massaker verüben …«

 
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Stigmatisierung als Teil des Filters

Cumming und Cumming wollten in ihrer großen Studie mit anschließender Kampagne gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker vermitteln, dass ein Kontinuum zwischen psychischer Krankheit und Gesundheit besteht (1957). Kranke sind also nicht grundsätzlich andere Menschen. Eben diese Vorstellung wurde massiv abgelehnt. Ganz ähnlich beschrieb Denise Jodelet ihre Untersuchungsergebnisse über die soziale Repräsentation psychischer Krankheit in einem ländlichen Milieu in Frankreich (1997): Die Bewohner der Dörfer, in denen psychisch Kranke lebten und arbeiteten, hatten das Bedürfnis, sich von den Kranken eindeutig zu unterscheiden. Und weil die Unterscheidung nicht für alle sichtbar war führten sie Distanzierungsrituale und Regeln des Umgangs ein, die den Unterschied sichtbar machen sollten.

Printmedien sind ein Spiegel dieser sozialen Repräsentationen von psychischer Krankheit, psychisch Kranken und psychiatrischen Einrichtungen. Mit ihnen leben die Bevölkerung, Journalistinnen und Journalisten eingeschlossen — und auch die ›Bildungssprache‹. Mit der Darstellung von Sensationsnachrichten werden Distanzierung und Stigmatisierung gepflegt. Sie finden aber auch in der Bedeutungsverschiebung, in der Metaphorisierung psychiatrischer Begriffe ihren Niederschlag. Daran ändern vereinzelte Artikel zu wissenschaftlichen Ergebnissen oder psychiatrischen Einrichtungen nichts Grundsätzliches. Die Medien werfen deshalb zuerst einmal die öffentliche Meinung in die Bevölkerung zurück. Bei der Zeitungslektüre, beim Fernsehen mit fokussierter Aufmerksamkeit lässt sich dies feststellen. Deshalb sollte die Zeitung für psychiatrisch Tätige Pflichtlektüre sein. Nicht nur, um zu wissen, was in der Welt geschieht — und am Ort vor sich geht. Sondern um sich darüber klar zu werden, was für Vorstellungen in unserer Gesellschaft über psychische Krankheit, psychisch Kranke und das Fachgebiet Psychiatrie fortexistieren; welche Bedeutung Begriffe wie ›schizophren‹, ›Selbstmord‹, ›Psychopharmaka‹ oder ›Tranquilizer‹ in der Umgangssprache haben. Mit ihnen leben unsere Patienten, ihre Angehörigen, unsere Kolleginnen und Kollegen aus anderen Fachgebieten — und auf die eine oder andere Weise auch wir psychiatrisch Tätigen. Die Stigmatisierung psychisch Kranker ist kein isoliertes Medienphänomen, während die Bevölkerung, und insbesondere wir psychiatrisch Tätigen schon fortgeschritten sind. Die Erwähnung und Beschreibung der (gelegentlichen Folgen) psychischer Krankheiten als Sensation kommt dem Bedürfnis nach Unterscheidung entgegen. Stigmatisierung ist kein Schönheitsfehler, der aus den Medien einfach zu entfernen wäre. Sie ist Teil des Filters, durch den die Medien uns die Welt nahe bringen.
 

 

Dr. Ulrike Hoffmann-Richter ist Psychiaterin bei der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt und eine der Herausgeberinnen der Zeitschrift »Die Psychotherapeutin«. Für ihre Arbeit »Psychiatrie in der Zeitung« erhielt sie am 3. November 2000 den Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP).

Literatur:
Die umfangreiche Bibliographie ist in der soeben erschienenen Monographie zu finden: Hoffmann-Richter, U.: Psychiatrie in der Zeitung. Urteile und Vorurteile. Edition Das Narrenschiff im Psychiatrie-Verlag. Bonn 2000.

Anschrift:
Dr. med. Ulrike Hoffmann-Richter, Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (SUVA), Fluhmattstr. 1, CH 6002 Luzern, eMail: uhr@datacomm.ch

 
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