Auf ein eigenständiges Leben vorbereitenReferent: Sicherheit ist durch Wegsperren psychisch kranker Straftäter nicht zu erreichenWAZ v. 18.10.2002 Das Thema Forensik wird unter den Herner Bürgern immer noch heiß diskutiert. Es gibt eine Menge Kritiker, die den Bau einer forensischen Klinik für psychisch kranke Straftäter in Wanne verhindern wollen. Der Arbeitskreis Forensik lud aus diesem Grund interessierte Bürger zu der Veranstaltung »Das Konzept der Sicherheit in der forensischen Psychiatrie« ein. Der Abbau von Vorurteilen gegenüber forensischen Kliniken durch Information und Argumentation ist das Ziel des Arbeitskreises (AK) Forensik. Klaus Marquardt, Mitglied des Sprechergremiums, begrüßte als Gast Dr. Martin Schott, den Direktor der niedersächsischen forensischen Klinik in Moringen. Dr. Martin Schott wies daraufhin, dass das Thema Forensik in den Medien völlig überspitzt dargestellt werde. Forensik bedeute nicht nur Kindesmord mit vorhergehender Vergewaltigung. »Seit den 70er Jahren ist die Kriminalität in diesem Bereich um ein Drittel zurückgegangen, die Medien stellen es aber so dar, als würde die Gefahr immer größer«, so Dr. Schott. Weiter erklärte er, dass die These »Sicherheit vor Therapie«, mit der die Bürgerinitiative Forensik demnächst für die Volksinitiative werben wolle, völliger Quatsch sei. »Sicherheit erreicht man nicht durch konsequentes Wegsperren der Straftäter.« Das Ziel der forensischen Klinik sei es, die straffällig gewordenen psychisch Kranken vollkommen zu heilen und auf ein eigenständiges Leben außerhalb der Klinik vorzubereiten. Dies gelänge nur durch Vertrauensaufbau. »Es bringt nichts, einen Hochsicherheitstrakt zu bauen, das behindert nur die Therapie und führt schlussendlich zum Gegenteil. Und die Arbeitsbedingungen für Therapeuten, Ärzte und andere Klinikangestellte werden verschlechtert«, so Dr. Schott. Auch müsse die Entscheidungskompetenz für die Therapeuten, was Freigänge für oder Entlassungen von Patienten angehe, erleichtert werden. »Bisher müssen Gutachten von Wissenschaftlern von außerhalb erstellt werden, die sind nur zeitaufwendig und teuer. Die Therapeuten kennen die Patienten am besten und können am besten entscheiden, wer für einen eventuellen Freigang bereit ist. Eltern können ja auch am besten entscheiden, wie viel Freiheiten sie ihrem Kind einräumen, ohne ein wissenschaftliches Gutachten erstellen zu lassen.« Eine erfolgreiche Therapie könne nur bei einer forensischen Einrichtung gelingen, in der ein lebendiges, soziales Leben herrsche. Die Patienten brauchten eine Perspektive, einen Sinn im Leben. »Sie müssen ein gesellschaftliches Leben führen können, das auch zum Beispiel Kinobesuche beinhaltet«, so Dr. Martin Schott. Eine Integration der Patienten müsse stattfinden, sie müssten lernen, Verantwortung zu übernehmen, ein ganz normales Leben innerhalb der Klinik führen. Das verbessere die Therapieerfolge und auch die Sicherheit. »Salopp könnte man sagen: Wer abwäscht, hat keine Zeit, auszubrechen.« DvB |
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| Leserbrief | ||||||